100 Jahre Institut für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetrieb (IWF)

 

[TU Berlin]

Geschichte

1904-1933: Wissenschaft vom Fabrikbetrieb

Am 20. Juli 1904 unterzeichnete seine Majestät Kaiser Willhelm II. an Bord der kaiserlichen Yacht M.S. "Hohenzollern" in Drontheim / Norwegen die Urkunde für die "Allerhöchst vollzogene Bestallung als etatmäßiger Professor an der Technischen Hochschule in Berlin für den Dr.-Ing. Georg Schlesinger". Mit dieser Ernennung und der Einrichtung des Lehrstuhls für Werkzeugmaschinen, Fabrikanlagen und Fabrikbetriebe wurde erstmals in Deutschland der Fabrikbetrieb als wissenschaftliche Disziplin anerkannt. Aus dem Lehrstuhl ging das Institut für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetrieb (IWF) hervor. Der damals erst 30-jährige Georg Schlesinger gilt heute als Pionier der Wissenschaft vom Fabrikbetrieb in Deutschland. Unter seiner Leitung konzentrierten sich die frühen Forschungsarbeiten am IWF auf das Arbeitsverhalten von Werkzeugmaschinen sowie Fragen der Normung, Messtechnik, Fabrikorganisation und Fabrikanlagen. Schlesinger gründete auch das Versuchsfeld für Werkzeugmaschinen als erste derartige Einrichtung in Deutschland. Als Jude wurde er 1933 von seinem Lehrstuhl vertrieben und emigrierte nach kurzer Inhaftierung nach England. Mit ihm auch mehrere jüdische Mitarbeiter des Institutes.
 

1934-1945: Lehre und Forschung in Zeiten des Krieges

Nachfolger Schlesingers wurde 1934 Otto Kienzle. Er führte als Schüler von Schlesinger das begonnene Forschungsprogramm, insbesondere über das statische und dynamische Verhalten von Werkzeugmaschinengestellen, fort. Hinzu kamen Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Passungen, auf die heutige ISO-und DIN-Normen zurückgehen. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 litt die Lehr- und Forschungstätigkeit am IWF erheblich. Im November 1943 wurde bei einem Luftangriff auf Charlottenburg das Hauptgebäude der Technischen Hochschule mit den darin gelegenen Räumlichkeiten des Instituts zerstört. Die institutseigene Bücherei wurde bei späteren Bombenangriffen komplett vernichtet. Die meisten Geräte und Maschinen im Versuchsfeld gingen während des Krieges oder in den Wirren der Nachkriegszeit verloren. Die etwa vierzig Mitarbeiter des IWF arbeiteten in Berlin unter provisorischen Bedingungen weiter, bis das Institut Anfang 1945 an die drei Standorte Göttingen, Duderstadt und Aerzen bei Hameln verlegt wurde.
 

1946-1964: Wiederaufbau und Neubeginn

Karl P. Matthes und Heinrich Schallbroch gelang es als Lehrstuhlinhaber, den Lehr- und Forschungsbetrieb des IWF unter den schwierigen Bedingungen der Nachkriegszeit wieder in Berlin aufzunehmen. Im Gegensatz zu vielen westdeutschen Hochschulen, die sich von den Auswirkungen des Krieges relativ rasch erholten, dauerte der Wiederaufbau der Berliner Forschungslandschaft fast 20 Jahre. Symbolisch für den Neuanfang des IWF war der Umzug in ein neues Institutsgebäude in der Fasanenstraße Anfang 1956. Von hier aus gelang es dem Institut, mit Forschungsarbeiten zur Zerspantechnik und Arbeitswissenschaft wieder den Anschluss an die Spitze zu schaffen.
 

1965-1986: Fabrik der Zukunft

1965 wurde Günter Spur auf den Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik berufen. Unter dem Motto "Opa's Fabrik ist tot - es lebe die Fabrik der Zukunft" trat mit ihm eine neue Generation von Ingenieuren an, die Produktionstechnik als Schlüsseltechnologie der deutschen Industrie mit der Informationstechnik zu verbinden. Das IWF begleitete vor allem die neuen Entwicklungen in der Rechnertechnik mit eigenen Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der numerischen Steuerung. Wissenschaftler des IWF arbeiteten an der Entwicklung von CAD/CAM und der Programmiersprache EXAPT mit. 1969 entstand unter Federführung des IWF der erste Sonderforschungsbereich an der TU Berlin, der SFB 57 "Produktionstechnik und Automatisierung". Um angesichts der Berliner Hochschulreform, die im August 1969 in Kraft trat, die industrienahe Forschung und Entwicklung auszubauen, gründete Spur 1976 das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK). IWF und IPK arbeiteten von Beginn an eng zusammen und bezogen 1986 gemeinsam den mit dem Deutschen Architekturpreis ausgezeichneten Neubau am Charlottenburger Spreebogen - das Produktionstechnische Zentrum (PTZ).
 

1987-1996: Rechnerintegrierte Produktion

Das "Doppelinstitut" entwickelte in den nächsten fünfzehn Jahren wegweisende Lösungen für die Automatisierung und die rechnerintegrierte Produktion. Dazu gehörten Arbeiten zur Auslegungsplanung von Fertigungsanlagen, zur Steuerung von Industrierobotern, zur rechnerunterstützten Konstruktionstechnik und Arbeitsplanung sowie die Einführung der CAD-Technologie in die industrielle Praxis. Gemeinsam mit dem Weltraum-Institut Berlin (WIB) wurde am IWF ein Labor für orbitale Automatisierungstechnik (LORA) eingerichtet, in dem der Einsatz von Robotertechnik im Weltraum erprobt wurde. Nach der Wiedervereinigung waren auch die Institute im PTZ von der Krise der öffentlichen Haushalte, der bundesweiten Rezession und besonders dem Einbruch in der Maschinenbaubranche betroffen. Von 1991 bis 1994 sackte die Produktion real um mehr als 49 Prozent ab, die Beschäftigung um etwa 30 Prozent. Mit dem Konzept des Computer Integrated Manufacturing (CIM) entwickelte das IWF in dieser Zeit eine neue Systemanwendung für die Neugestaltung und informationstechnische Verknüpfung aller Phasen eines Produktionsprozesses. Im Rahmen des CIM-TT-Zentrums Berlin/Brandenburg war das IWF an der Restrukturierung der Wirtschaft in den neuen Bundesländern beteiligt.
 

1997-2004: Digitale Fabrik

1997 wurde Eckart Uhlmann in der Nachfolge von Günter Spur als Professor auf das Fachgebiet für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik berufen. Heute orientiert sich das Forschungs- und Lehrangebot des IWF an Technologie und Management des industriellen Fabrikbetriebs und umfasst sowohl die Entwicklung von Prozesstechnologien und Produktionsanlagen als auch deren informationstechnische Modellierung. In den sechs Fachgebieten Füge- und Beschichtungstechnik, Industrielle Informationstechnik, Industrielle Automatisierungstechnik, Montagetechnik- und Fabrikbetrieb, Qualitätswissenschaft sowie Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interdisziplinär an der "Digitalen Fabrik". Ihr Ziel ist es, Produktentwicklung, Fertigungsplanung und Produktion informationstechnisch so abzubilden und zu vernetzen, dass gesamte Produktentstehungs- und Lebenszyklen simuliert, verifiziert und optimiert werden können. Im internationalen Master-Studiengang Global Production Engineering, an dem das IWF wesentlich beteiligt ist, werden Studierende seit 1998 in vorwiegend englischsprachigen Lehrveranstaltungen für die Herausforderungen der globalen Industriegesellschaft ausgebildet. Dabei profitieren sie auch von einem internationalen Netzwerk aus zahlreichen Lehr- und Forschungseinrichtungen, mit denen das IWF weltweit kooperiert.

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