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 Von der Bauakademie 
 zur Technischen Universität Berlin


Prof. Dr. Hans-Jürgen Ewers
Rede anlässlich der Eröffnung der
Ausstellung "1799-1999. Von der Bauakademie zur Technischen Universität Berlin. Geschichte und Zukunft"


Es ist mir ein Vergnügen, Sie an der Technischen Universität Berlin herzlich willkommen zu heißen. Ich freue mich, dass Sie der Einladung zur Eröffnung dieser Ausstellung so zahlreich gefolgt sind. Ich darf mich herzlich bei der Berliner Hymnentafel für die gelungene Einstimmung bedanken.

Der Titel dieser Ausstellung: "1799-1999. Von der Bauakademie zur Technischen Universität Berlin. Geschichte und Zukunft." benennt den Anlass. Die Gründung der Bauakademie vor 200 Jahren und die Verleihung des Promotionsrechts an die Technischen Hochschulen vor 100 Jahren haben wir bereits vor einigen Wochen in einem Festakt gefeiert. Die Ausstellung, die Sie nun vor sich ausgebreitet sehen, ist der komplementäre Solitär dazu. Hier können Sie einen Ausflug in die Geschichte unserer Universität unternehmen, aber auch sehen, was heute in den einzelnen Bereichen geschieht.

Zunächst ein kurzer Ausflug in die Geschichte: 1799 wurde die Bauakademie gegründet, um den preußischen Staat mit loyalen Beamten zu versorgen, die des Bauens kundig sein sollten. Diese Institution wurde 80 Jahre später mit der Beuthschen Gewerbeschule, die für die aufstrebende Industrie den technisch versierten Nachwuchs zu liefern hatte, zur Königlichen Technischen Hochschule zu Berlin zusammengefasst. Damit wurde auch in Berlin der wachsenden Bedeutung des technischen Hochschulwesens Rechnung getragen. Dank der Unterstützung durch den preußischen Staat entwickelte sich die TH in Charlottenburg zur führenden Technischen Hochschule Deutschlands.

Dass die viel bewunderte deutsche Wirtschaftskraft im In- und Ausland vor allem auf die hohe Qualität der technischen (Aus-)Bildung zurückgeführt wurde, lieferte den Technischen Hochschulen wertvolle "Munition" im Kampf um die Gleichstellung mit den traditionellen Universitäten. Der Widerstand der Universitäten konnte diese Gleichstellung zwar verzögern, aber 1899 war es nicht mehr zu verhindern: Vor hundert Jahren wurde den Technischen Hochschulen hier an der Technischen Hochschule in Charlottenburg anlässlich ihrer 100-Jahrfeier – man bezog sich auf die Urzelle "Bauakademie" - durch Kaiser Wilhelm II. das Promotionsrecht verliehen. Die Wettbewerbsnachteile der Ingenieure auf dem Arbeitsmarkt waren dadurch ausgeglichen.

Schon bei den Jubiläumsfeierlichkeiten wurde in der Kleiderordnung deutlich, dass technische Wissenschaft und Militarismus eine enge Verbindung eingegangen waren. Wie verhängnisvoll sich das auswirkte, zeigte sich im darauffolgenden, in unserem Jahrhundert. Der Gleichschaltung während des Faschismus wurde an der TH Charlottenburg kein Widerstand entgegengesetzt, sehr schnell waren alle Juden von der Hochschule vertrieben. Ich erinnere stellvertretend für viele an Georg Schlesinger, den Vater des modernen Maschinenbaus, dessen Leistungen von seiner Hochschule nicht gewürdigt wurden und die ihn vor Verfolgung und Exil nicht bewahrte.

Der Zusammenbruch nach dem Zweiten Weltkrieg war total (also materiell UND moralisch). Bewusst trennte der Name bei der Wieder- oder Neubegründung der Hochschule 1946 diese Entwicklungslinie ab: Technische Universität Berlin hieß und heißt fortan diese Institution. Abtrennen bedeutet aber nicht verdrängen. Dieses Kapitel unserer Geschichte bedrückt und wird uns weiterhin beschäftigen. Die Geisteswissenschaften, die 1946 als Pflichtprogramm (und moralische Entscheidungsinstanz, "moral support and support of morals") für die Ingenieure eingerichtet wurden, haben sich zu einer wichtigen Linie in unserem Profil entwickelt und sind aus unserem Programm nicht mehr wegzudenken.

Wenn man sagt, dass sich an den Universitäten wie an keinem anderen Ort der Gesellschaft die Gesamtheit des Wissens der Zeit begegnet, so ist dies hier - mit dem gesamten Spektrum von Ingenieur- und Geisteswissenschaften - vielleicht besonders der Fall. Wie an keinem anderen Ort besteht daher hier auch die Chance und die Verpflichtung, dieses Wissen zu gültigen Antworten auf die großen Probleme der Zeit zu bündeln.

Nirgends sonst wird aber auch das Dilemma wissenschaftlicher Wissensproduktion so deutlich, dass man sich nur weiterentwickeln kann, wenn man sich spezialisiert und die dafür erforderlichen Methoden immer wieder anpasst und überprüft.

Das ist ein Thema, das insbesondere die Technischen Hochschulen von Anfang an bewegt hat. Die Technischen Hochschulen hatten von Beginn an die Verbindung von Theorie und Praxis im Auge, sozusagen die ideale Verbindung von Wissen und Können. So alt wie die Forderung nach solcher Integration ist, so alt sind freilich auch die Klagen über innere Zersplitterung, wechselseitige Abkapselung der Fakultäten und Abteilungen und nicht zuletzt die Sprachlosigkeit der Disziplinen untereinander. Wir wollen auch aus diesem Grund eine "neue" Universität. Die klar überschaubaren finanziellen Ressourcen unserer Einrichtung zwingen zum Sparkurs und sind mit die stärkste Motivation für die in Angriff genommene Strukturreform. Erneuerung, Modernisierung und Innovation, die für viele unserer Fachbereiche eine so gewichtige Rolle spielt, sollen auch in der Studien- und Verwaltungsorganisation unserer Universität Einzug halten. Meine Visionen dazu habe ich ja bereits beim Festakt geäußert, so dass ich Sie jetzt nicht mit Wiederholungen langweilen will.

Struktur- und Verwaltungsreform sind auf einem guten Weg, die inhaltliche Reform muss noch in Gang gesetzt werden. Unter der angesprochenen Abkapselung der einzelnen Bereich oder der Sprachlosigkeit zwischen den einzelnen Disziplinen, dem Fehlen einer gemeinsamen Sprache, leiden letztendlich die Studierenden. Wer während der eigenen Ausbildung nicht angeleitet wird, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, wird dies schwerlich im Berufsleben umsetzen können. In immer mehr Disziplinen kann das zu eklatanten Wettbewerbsnachteilen für die Absolventen führen. Wir wollen Generalisten, wir wollen den Blick über den Tellerrand.

Ich sehe die Aufgabe der Universität darin, die Studierenden nicht nur für das eigene Fach zu begeistern, sondern sie auch zur Neugier in anderen Gebieten zu animieren, zum Gespräch mit Kommilitoninnen und Kommilitonen.

Diese Ausstellung leistet dazu einen augenfälligen Beitrag. Sie bietet Anreize in verschiedenster Form, die den Blick auf die ganze Geschichte dieser Hochschule richtet und einen Eindruck vermittelt, wie vielfältig sich die wissenschaftlichen Anstrengungen unserer Universität darstellen.

Die ganze Geschichte: Das meint auch die Verankerung der Geschichte der Institution in das historische Geschehens dieser Stadt und dieses Landes. (In diesem Sinne war es Leibniz, der anlässlich der Errichtung der Sozietät der Wissenschaften mit seinen berühmten Programmsätzen über die Aufgaben "nützlicher Wissenschaften" auch das Programm dieser Technische Universität Berlin formuliert hat.)

Die ganze Geschichte: Das meint auch die Verknüpfung des Schicksals der Hochschule mit dem Aufstieg und den Katastrophen des Landes und verweist auf die gegenseitige Verantwortung heute. Die Hochschule trägt Verantwortung gegenüber der Stadt und ihrer Region, die Politik trägt aber auch Verantwortung gegenüber dieser Hochschule. Beide Seiten müssen darauf bedacht sein, den größtmöglichen Nutzen für den Partner zu bieten und zusammen nach Problemlösungen suchen, die Berlin voranbringen.

Bei der Darstellung der wissenschaftlichen Aktivitäten, die in dieser Ausstellung präsent sind, ging es nicht darum, ausgewählte Spitzenforschung ins Szene zu setzen. Auch wurde auf Vollständigkeit und Hierarchisierung – welche Disziplin löst die brennendsten Probleme, welche ist die moralisch einwandfreiste etc. – bewusst verzichtet.

Einer der Leitgedanken dieser Ausstellung ist – sie finden ihn in der dritten Etage wieder, einen Eindruck von der Vielfalt der wissenschaftlichen Ansätze und Anstrengungen zu vermitteln, die an dieser Universität unternommen werden. Dabei wird erkennbar, wie sich das "Größte" im "Kleinsten" spiegelt. Das heißt konkret: Wie reflektieren die – manchmal vielleicht sogar trivial erscheinenden Aufgabenstellungen die großen gesellschaftlichen Themen oder die zentralen wissenschaftlich-technologischen Innovationen. Neue Materialien, Simulation und Virtualisierung, Miniaturisierung: Sie alle haben in unterschiedlichsten Kombinationen Anteil an vielfältigsten Aufgaben, sei es der Konstruktion einer Hinterachse für einen Traktor oder dem Bau einer winzig kleinen Maschine für die Medizintechnik.

Die "Botschaft" dazu lautet: Die Universalität der Wissenschaften - die zu pflegen die Aufgabe der Universitäten ist, und im besonderen der Technischen Universitäten - sie allein verfügen mit den Ingenieurwissenschaften über die volle Bandbreite – ist keine Sache eines "Überfliegertums". Sie zu realisieren bedarf härtester disziplinärer Arbeit, die sich allerdings die Neugier über den Tellerrand hinaus bewahrt hat. Die Anregungen dazu befinden sich im dritten Stock.

Ein weiteres, ganz naheliegendes Interesse liegt darin, in Dialog mit der Öffentlichkeit zu treten. Ich würde mich sehr freuen – und die Ausstellungsmacher wohl ebenso -, wenn die Berliner Öffentlichkeit das Angebot annehmen und sich in großen Trauben um die Exponate tummeln würde. Hier kann man quasi wie in einem Buch – einen Ausstellungskatalog gibt es natürlich auch – blättern, was an unserer Universität passiert, was sich hier überschneidet, bündelt und ergänzt. Der Erinnerung an große Traditionen steht der aktuelle Aufbruch gegenüber, dem Beginn mit der Bauakademie (hier die Türen der Schinkelschen Bauakademie) und dort die Zukunft (mit dem Satelliten über Ihnen)...

"Schaut auf eure Universität!" – will diese Ausstellung den Berlinern sagen. Die Technische Universität Berlin ist nicht vollkommen, sie ist kritikbedürftig und kritisierbar, - wie sicherlich auch diese Ausstellung - , aber lebenswichtig für diese Stadt, heute wie in der Vergangenheit.

Es ist mir eine besondere Freude, dass die Öffentlichkeit von heute bis zum 30. Januar im neuen Jahrtausend zum ersten Mal die Möglichkeit erhält, einen der größten Schätze unserer Universität in Augenschein zu nehmen: unsere Plansammlung. Diese Sammlung ist aus dem Architekturmuseum unserer Vorgängereinrichtung, der Königlich Technischen Hochschule zu Berlin, hervorgegangen und enthält Architekturzeichnungen der bedeutendsten Architekten des 19. und 20. Jahrhunderts. Bei der Gründung des Architekturmuseum 1885 wurde das so formuliert: "Die bedeutendsten Architekten der Jetztzeit [sollen es sich] (...) zur Ehre schätzen (...), in diesem Museum durch einzelne ihrer Entwürfe vertreten zu sein."1 Ich könnte mir dazu ein paar Namen auf der Zunge zergehen lassen (Poelzig, Lucae etc.), möchte Ihnen aber nicht zu viel verraten. In der zweiten Etage können Sie sich selbst auf die Suche nach den "Juwelen" begeben.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die Technische Universität diese Schätze eigentlich der Öffentlichkeit "vorenthalten" darf. Dass sie jetzt zu sehen sind, ist ein Schritt in die Richtung, unsere Universität zu einem kulturellen Ort, einem Ort kultureller Identität zu machen. Unsere Reformziele erschöpfen sich nicht darin, ein Aushängeschild für Ausbildungsqualität und Forschungskompetenz zu werden. Ziel ist auch, eine neue Universitätskultur zu schaffen. Dazu gehört nicht zuletzt, dass die TU Berlin neben akademischen Veranstaltungen – wie beispielsweise Ehrenpromotionen oder der Queen’s Lecture – und Festakten zu Jubiläen auch kulturelle "Events" wie diese Ausstellung in Szene setzt. Wenn diese Zusammenschau trotz der umwälzenden Umstrukturierungsprozesse und einer äußerst angestrengten Finanzlage in Angriff genommen wurde, so zeigt das zum einen, welcher Stellenwert solchen Unternehmungen zugeschrieben wird und dass uns das etwas wert ist. Und zum anderen zeigt es, wie stark wir zusammen sein können, so dass dieses Projekt aus eigener Kraft Realität werden konnte.

Eine Bewährungsprobe hat die Idee dieser Ausstellung bereits bestanden. Es ist bei ihrer Vorbereitung gelungen, die Unterstützung einer Vielzahl von Personen und Einrichtungen innerhalb und außerhalb der Universität zu gewinnen. Ihnen allen möchte ich an dieser Stelle ganz herzlich danken.

Mein besonderer Dank gilt der Stadt Eberswalde. Die Ausstellung erinnert an die Geschichte des Finowtals bei Eberswalde, des "märkischen Wuppertals" – wie man sagte, der Geburtsstätte der Brandenburgischen Industrie. Diese Geschichte bildet nicht nur einen allgemeinen Hintergrund für die Entstehung des technischen Schul- und Hochschulwesens in Brandenburg-Preußen des letzten Jahrhunderts. Zwei Namen ziehen eine enge Verbindung zu unserer Hochschule: Georg Schlesinger, der Begründer der modernen Produktionstechnik an unserer Universität, und Georg Klingenberg, Professor und Kraftwerkserbauer. Unsere Idee, diese Geschichte des Finowtals nachzuzeichen, traf in der Stadt Eberswalde auf positives Echo und wurde nach Kräften unterstützt.

Der ganze Prozess der Entwicklung des Ausstellungskonzepts wie seiner Realisierung wurde beratend begleitet von Personen, die sich sowohl unserer Universität wie dem Anliegen der Ausstellung verbunden wissen. Stellvertretend für alle externen Berater möchte ich Herrn Dr. Jost Lemmerich, Wissenschaftshistoriker und Ausstellungsmacher, Herrn Kollegen Kahlow, Technikhistoriker von der Fachhochschule Potsdam, Herrn Dr. Kurrer, Technikhistoriker im Verlag Ernst & Sohn und Herrn Dipl-Ing. Wohlhage für ihr Engagement danken. Für die Begleitung dieses Projektes gebührt dem wissenschaftlichen Beirat ebenfalls mein herzlicher Dank!

Danken möchte ich darüber hinaus all denjenigen, die mit ihren Leihgaben und mit Rat und Tat – ob nun als Institution oder als Privatperson - diese Ausstellung nach Kräften unterstützt haben. Ich freue mich sehr, dass dieses Projekt auch an unserer Universität selbst in den einzelnen Fachbereichen auf so positives Echo gestoßen ist und danke Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr herzlich dafür, dass Sie sich so engagiert beteiligt haben.

Solche Unternehmen, die zudem unter heftigem Zeitdruck zu einem guten Ende gebracht werden müssen, verursachen immer wieder Turbulenzen. Ich danke allen, die trotz aller Aufregung stets Ruhe bewahrt haben – oder, wie man neudeutsch sagen würde, die "cool" geblieben sind - und hochmotiviert und mit Begeisterung ihre Ideen vorangetrieben haben. Das gilt im besonderen für das Ausstellungsteam. Es ist nicht verborgen geblieben, dass Sie gerade in den letzten Tagen noch einmal vollen Einsatz gezeigt haben. Ebenso beeindruckt hat mich der Eifer unserer Auszubildenden, die hochkonzentriert bei der Sache waren, um den Ausstellungsbauten Form und Farbe zu geben. Den Zentralwerkstätten dafür herzlichen Dank.

Würdigen möchte ich an dieser Stelle ganz besonders eine Person, ohne die diese ganze Ausstellung nicht realisiert worden wäre: Herrn Schwarz. Ihnen als "Rädelsführer" und Seele des Unternehmens gilt stellvertretend für alle anderen Helfer und Beteiligten, die ich jetzt auch aus Zeitgründen nicht erwähnen konnte, mein herzlichster Dank. Sie gehören "eigentlich" zur Planungsgruppe, die dem Präsidenten sagt, wo’s langgehen soll. Jetzt haben Sie die großen Planungen für diese Ausstellung gemacht. Sie konnten dabei auf Ihren reichen Erfahrungsschatz bei der Gestaltung von solchen Veranstaltungen zurückgreifen. Ich möchte Ihnen im Namen der Universität meinen Dank und meine persönliche Hochachtung für Ihren Einsatz aussprechen. Als kleines Dankeschön möchte ich Ihnen einen guten Tropfen überreichen für baldige Zeiten der Muße, auf die Sie so lange verzichten mussten. Herzlichen Dank!

Und damit genug der Worte: Ich überlasse jetzt noch einmal der Berliner Hymnentafel das Feld. Danach ist die Ausstellung eröffnet und ich möchte Sie herzlich einladen, nachher ein Gläschen darauf zu trinken.

Ich wünsche der Ausstellung einen erfolgreichen Verlauf, Ihnen eine spannende Entdeckungsreise in die Vergangenheit und die Zukunft der TU Berlin und noch einen angenehmen, vergnüglichen Abend.

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Anmerkungen
  1. Schreiben der Abteilung für Architektur der Technischen Hochschule Charlottenburg vom 20.04.1885 an Minister v. Goßler, Bl.2

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