[TU Berlin] Medieninformation Nr. 179 vom 15. August 2005 - Bearbeiter/-in: sn


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Technikwissenschaft war sein Beruf, Zivilcourage aber seine Passion

Zum 100. Todestag des Forschers Franz Reuleaux


Franz Reuleaux (1829 – 1905)
Foto: TU Berlin/
Historisches Archiv

Als Franz Reuleaux vor hundert Jahren, am 20. August 1905, in Berlin starb, galt er schon als nicht mehr zeitgemäß. Er hatte wegen eines heftigen Streites mit seinen Konkurrenten Alois Riedler und Adolf Slaby die Technische Hochschule (TH) verlassen, da er nicht einsehen wollte, dass praktische Laboratorienarbeit der Studenten wichtiger sei als Mathematik- und Theorieunterricht. 

Zur Jahrhundertfeier der Bauakademie, die die TH 1899 pompös beging, wurde Reuleaux weder eingeladen, noch sein Name genannt. Stattdessen sprach ein Student über die "nationale Aufgabe" der TH, die darin bestünde "Kriegsakademie" zu sein, für die Ausbildung von "Offizieren im friedlichen Kampf um die Weltherrschaft". Das war tatsächlich nicht mehr der Reuleauxsche Geist. Was ist uns heute von seinem Erbe geblieben? 

Der 1829 in Eschweiler bei Aachen geborene Reuleaux entstammte einer Familie von selbstbewussten Bergleuten und Ingenieuren. Er studierte 1850 -1852 Maschinenbau am Polytechnikum Karlsruhe bei Ferdinand Redtenbacher, dem Begründer der deutschen Maschinenwissenschaft. An den Universitäten Bonn und Berlin ergänzte er sein bisheriges Wissen durch philosophische und naturwissenschaftliche Studien. 1855 veröffentlichte er mit einem Kommilitonen eine "Konstruktionslehre für den Maschinenbau", die vielen Studentengenerationen als hilfreicher Wegweiser galt. 1856 berief man ihn an das neu gegründete Eidgenössische Polytechnikum nach Zürich. Hier fand er Kontakt zu Gustav Zeuner, einem Gelehrten, Maschinenbauer und politischen Emigranten aus Sachsen. Von ihm übernahm er das Axiom, dass es Technik ohne soziale Folgen nicht geben kann. In Zürich schrieb er sein Lehrbuch "Der Constructeur" (1861), ein drei Jahrzehnte gültiges Standardwerk.1864 wechselte er auf den Lehrstuhl für Maschinenbaukunde am Gewerbeinstitut Berlin.1868 wurde er Direktor des inzwischen in Gewerbeakademie umbenannten Instituts. 

Reuleauxs Leistung bestand hier darin, dass er zunächst die Maschinenkunde als eigenständige Disziplin begründete und durch Verbindung von Lehre und Forschung die Gewerbeakademie zu einer technischen Hochschule weiterentwickelte. Das wurde 1879 durch die Fusion mit der Bauakademie zur TH de facto bestätigt. Dort wurde er Abteilungsleiter für den Maschinenbau und im Studienjahr 1890/91 Rektor der TH.

Reuleaux wirkte auch als Berater. In dieser Funktion verkündete er 1876 im Bericht über die Weltausstellung in Philadelphia sein Verdikt gegen die deutsche Industrie: Ihre Produkte seien "billig und schlecht". Das schlug ein wie eine Bombe. Von Landesverrat war gar die Rede. Nur Wenige, wie Werner Siemens, lobten diesen Mut zur Kritik. Worauf aber kam es ihm an? Das Prinzip der bloßen Konkurrenz durch den Preis bringt keine Vorteile, im Gegenteil. Gutausgebildete Ingenieure werden dafür nicht gebraucht und finden keine Verwendung. Auch deshalb sollte die deutsche Industrie zur Konkurrenz um die beste Qualität übergehen. 

Bedeutend war Reuleauxs Engagement für den Erfinder des Otto-Motors und für dessen patentrechtliche Absicherung. Ihm ist es mit zu verdanken, dass diese folgenreiche Erfindung zur Weltausstellung in Paris 1867 gezeigt wurde und eine Goldmedaille erhielt. Dabei dachte er noch nicht an massenhafte Automobilproduktion, sondern er sah die Zukunft dieser mobilen Kraftmaschine im Handwerk. Denn Reuleaux interessierten auch gesellschafts-politische Fragen. So beunruhigten ihn die sozialen Spannungen in der Gesellschaft im Zuge der Industrialisierung. Er schlug diverse Programme für die Entfaltung des Mittelstandes vor und setzte sich für die Entwicklung des Kunsthandwerks und für dessen Verbindung mit der Industrie ein – was später Hermann Muthesius weiterführte. Franz Reuleaux war ein Mann mit Ideen und ein unabhängiger Geist. Sein theoretisches Erbe ist heute museal. Was bleibt, sind sein Vorbild an Zivilcourage und sein Einsatz für das Gemeinwesen.

Hans Christian Förster
 


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