[TU Berlin] Medieninformation Nr. 183 vom 23. August 2005 - Bearbeiter/-in: sn


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In Erfurt wurde das älteste Fachwerkhaus Thüringens entdeckt

Die bauhistorischen Forschungen von TU-Professor Johannes Cramer brachten einen architektonischen Schatz aus dem Jahre 1295 zu Tage

Häuser aus dem 13. Jahrhundert sind rar in Deutschland. Der Bauhistoriker Prof. Dr. Johannes Cramer von der TU Berlin schätzt, dass etwa noch 200 bis 300 Gebäude aus dieser Zeit zwischen Rhein und Elbe existieren. Umso mehr kam deshalb die Entdeckung eines Fachwerkhauses im thüringischen Erfurt aus dem Jahr 1295 einer Sensation gleich. Zum Vergleich: Das älteste Haus im Land Brandenburg stammt aus dem Jahre 1404.

Aus der detaillierten Untersuchung und Dokumentation des vorhandenen Fachwerkes konnten die TU-Forscher schließlich auf diese Fachwerkkonstruktion des Hauses in der Erfurter Regierungsstraße 3 schließen.
Zeichnung: Barbara Perlich-Nitz, TU Berlin/FG Bau- und Stadtbaugeschichte

Dendrochronologische Untersuchungen von Mitarbeitern und Studierenden des Fachgebietes Bau- und Stadtbaugeschichte unter Leitung von Professor Cramer hatten ergeben, dass das Holz im Jahre 1295 geschlagen worden war. Mit Hilfe der Dendrochronologie wird der Wachstumszeitraum des Holzes bestimmt. Da zu jener Zeit das Baumaterial sofort verbaut wurde, kann das Gebäude in dieses Jahr datiert werden.

Aber nicht nur das Alter des Hauses ließ die Wissenschaftler staunen. Hinter der nichtssagenden Fassade des Gebäudes verbargen sich noch weitere Schätze, die erst durch die bauhistorischen Forschungen der TU-Wissenschaftler ans Licht kamen. Die Besonderheit des Gebäudes wird durch eine Ankerbalkenkonstruktion, doppelte Kopfstreben und ein Sparrendach mit doppeltem Kehlbalken bestimmt. Erstmalig konnte ein hölzerner Spitzbogen für das Portal nachgewiesen werden. Bislang war ein solches architektonisches Element für diese Zeit unbekannt. Höchst ungewöhnlich ist auch, dass drei Viertel der hochmittelalterlichen Fachwerkkonstruktion erhalten blieben. "Normalerweise sind es bei solch alten Häusern nur ein Viertel bis ein Drittel", sagt Jo-hannes Cramer.

Neben Fragen des Alters oder des Umfangs der erhalten gebliebenen Substanz dokumentieren Cramers Bauforschungen zugleich immer auch den Wandel eines solchen Bauwerkes über die Jahrhunderte hinweg und versuchen zu ergründen, inwiefern diese baulichen Veränderungen etwas über Veränderungen in der städtischen Struktur aussagen. So war das Haus vor 710 Jahren als Speicher errichtet worden. Ab dem 17./18. Jahrhundert jedoch diente es als Wohnhaus.

Die Ergebnisse der Forschungen versetzen die Wissenschaftler schließlich in die Lage, Empfehlungen auszusprechen für einen kompetenten Umgang mit einem solchen historischen Bauwerk. Im Falle des Gebäudes in der Erfurter Regierungsstraße 3, das derzeit saniert wird, plädiert Cramer dafür, als Ergebnis der Restaurierung des Hauses die Vielschichtigkeit seiner Veränderungen, "also den Lauf der Zeit sichtbar zu machen". "Zwar wurde richtiger- und konsequenterweise die Fachwerkkonstruktion unter Denkmalschutz gestellt, bei der Restaurierung aber den Fokus einzig auf die Zeit von 1295 zu richten, würde der Geschichte des Bauwerkes nicht gerecht werden", sagt Professor Cramer.


Weitere Informationen erteilt Ihnen gern: Prof. Dr.-Ing. Johannes Cramer, Fachgebiet Bau- und Stadtbaugeschichte der TU Berlin, Telefon: 030/314-21946, Fax: 030/314-21947, E-Mail: cramer@baugeschichte.tu-berlin.de  

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