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November 2005
 
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Eher Verwaltung als Aufbruch

Elite-Institut: TU-Wissenschaftler sind skeptisch

Die Idee einer Europäischen Spitzen-Forschungsstätte "European Institute of Technology", vergleichbar mit dem MIT in Boston, nimmt im Europäischen Parlament immer konkretere Konturen an (s. auch Artikel auf dieser Seite). TU-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit großen EU-Projekten befasst sind, sagen in TU intern, was sie davon halten.

 
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Prof. Dr.-Ing. Frank Thiele, Fachgebiet Numerische Thermofluiddynamik, Hermann-Föttinger-Institut für Strömungsmechanik
Ich glaube nicht, dass eine solche übergeordnete Einrichtung sinnvoll ist. Man verkennt dabei völlig die Entstehung und Arbeitsweise des MIT. Ich fürchte, hier wird wieder nur übergeordnete Bürokratie erzeugt. Große Projekte, zum Beispiel SILENCER, leiden jetzt schon unter der übermäßigen Abstimmung. Zudem ist mir völlig unklar, unter welchen Bedingungen und Finanzierungen, wie lange und mit welchen Aufgaben die Wissenschaftler dort arbeiten sollen. In der Regel haben die Wissenschaftler doch nationale Arbeitsverträge. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies funktioniert.

 
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Prof. Dr. Klaus Rebensburg, Leiter des Forschungsschwerpunkts (FSP-PV) "Netzwerke und Multimediale Anwendungen"
Europa braucht nicht unbedingt eine gemeinsame Spitzeneinrichtung herkömmlicher Art. Zeitgemäßer wären heute neue gemeinsame, mehr virtuelle, vernetzte Add-on-Konzepte zwischen existierenden Centers of Excellence in Europa.
Der legendäre Erfolg des MIT kann nicht einfach vorbildhaft "nachgegründet" werden. Das MIT als lokale Hochschule mit 150 Jahren Tradition verdankt aktuell diskutierte Forschungserfolge den Investitionen, die erst seit dem Zweiten Weltkrieg getätigt wurden, auch für nationale Sicherheit und Rüstung. Der Europäische Forschungsrat mit 22 Gründungsmitgliedern verspricht eher Verwaltung als Aufbruch. Das EIT-Budget von 1,6 Milliarden Euro entspricht dem Budget von rund vier großen Hochschulen - bei 25 EU-Staaten. Daher mein Plädoyer für neueKonzepte.

 
  Foto: TU-Pressestelle

Prof. Dr. Dieter Bimberg, Leiter des Instituts für Festkörperphysik
1. Es gibt in den USA nichts dergleichen. Das MIT ist eine von mehreren Spitzenforschungshochschulen (nicht Forschungsinstitut!) in Massachussetts wie auch das California Institute of Technology (CALTECH) in Kalifornien und andere. 2. Regional gibt es dergleichen bereits in Europa: In Deutschland bei der Max-Planck-Gesellschaft, der Helmholtz-Gesellschaft ... oder sollte es dort keine Spitzenforschung geben? Ich denke schon! In Belgien im IMEC (Interuniversity MicroElectronics Center), in Frankreich bei der CEA (Commissariat à l'Energie Atomique), dem CNRS (Centre National de la Recherche Scientifique), in den Einrichtungen in Frascati/Italien und weiteren.
Ergo: In meinen Augen ist das diskutierte EIT ein von wenig Kompetenz zeugender Vorschlag zur Gründung einer weiteren Dauereinrichtung, von denen wir bereits zu viele haben, der zur Verschleuderung von materiellen und menschlichen Ressourcen führt, welche dann der Projektförderung, die gerade auch Hochschulen wie der TU Berlin wichtig sind, entzogen würden.

 
Foto: privat  

Prof. Dr. Susanna Orlic, Professorin für Experimentalphysik mit dem Schwerpunkt Optische Technologien
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Europäer sehr gut und gerne zusammenarbeiten und dass multinationale Kooperationen oft zu wertvollen synergetischen Effekten führen. Grundsätzlich ist jede Initiative zur europäischen Integration im Bildungs- und Forschungsbereich zu begrüßen, insbesondere wenn Spitzenleistungen adressiert werden mit dem Ziel, Wissenschaft und Technologie made in Europe weltweit stärker zu machen und besser zu positionieren. Nachdenklich stimmt, dass sich hinter jeder Initiative ein völlig überdimensionierter bürokratischer Apparat aufbaut. Der Weg zu einem europäischen Eliteinstitut wird kein einfacher, aber auch das MIT ist 1861 mit gerade 15 Studenten gestartet worden.

 
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Prof. Dr.-Ing. Björn A. T. Petersson, Fachgebiet Technische Akustik - Körperschall
Das US-amerikanische MIT ist sicherlich eine Eliteeinrichtung mit sehr guter finanzieller Ausstattung. Doch es wird kaum eine Einrichtung geben, die in allen Bereichen die anderen überstrahlt. Auch in den USA gibt es diverse Universitäten, die in bestimmten Bereichen besser sind als das MIT. Ich denke zum Beispiel an Forschungen im IT-Bereich und andere Bereiche der Signalverarbeitung, in denen die kalifornischen Universitäten die Nase vorn haben.
In Westeuropa gibt es durch die Erasmus-Programme oder die Marie-Curie-Fellowships eine sehr gesunde Kultur der Eliteförderung. Brauchen wir da eine weitere Einrichtung, die hohen bürokratischen Aufwand erfordert und doch nicht das ganze Spektrum europäischer Spitzenforschung abdecken kann?

 

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