Niemals schmalspurig gewesen

Prof. Dr. Erika Cremer - Chemikerin und Ehrendoktorin

Als Studentin wurde sie einmal gefragt, welcher Wissenschaft sie den Vorrang geben würde: der Physik oder der Chemie? Erika Cremer antwortete damals: "Ich bevorzuge die Kombination beider, die Behandlung chemischer Probleme mit den Methoden der Physik." Daraufhin wurde ihr Unentschlossenheit vorgeworfen. Diese Unentschlossenheit begleitete ihren weiteren beruflichen Lebensweg und wurde zu ihrem Vorteil.

Vor ihr lag ein Leben für die Wissenschaft, das niemals von Schmalspurigkeit gekennzeichnet war. Ihre Leidenschaft galt nicht einzig der physikalischen Chemie, sondern genauso bewunderte sie ihre damaligen Lehrmeister wie z. B. Walther Nernst, Max Planck, von Laue oder Otto Hahn. Bei solch großen Meistern hatte sie das Gefühl "mitten an der wissenschaftlichen Front" zu stehen.

Die Heimat der 1900 geborenen Wissenschaftlerin war München und Miesbach in den bayerischen Voralpen, und sie hätte am liebsten einige Semester im Süden Deutschlands studiert, um ihrer Sehnsucht nach den Bergen nachzugeben. Es kam aber nie dazu.

1921 begann Erika Cremer ihr Studium der Chemie an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin, einer Zeit, in der das Frauenstudium noch sehr umstritten war. Im Frühjahr 1927 promovierte sie dort zum Dr. phil. Es folgte eine Zeit der Lehr- und Wanderjahre, bis es 1933 zur Auflösung der Dahlemer Arbeitsgemeinschaft kam.

Von nun an konnte sie froh sein, wenn sie als freie oder schlecht bezahlte Mitarbeiterin in Laboratorien von Karl Friedrich Bonhoeffer oder Georg Karl von Hevesy arbeiten konnte. Es waren schlechte Zeiten für Akademiker. Die Wirtschaftskrise machte sich so stark bemerkbar, daß auch ein gutes Doktordiplom keine wirtschaftlichen Vorteile brachte.

Vor Johannes Stark, dem Präsidenten der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, mußte sie sich sogar verstecken! Erika Cremer erzählt:" Er durfte nicht wissen, daß sich eine Frau unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern seiner Anstalt befand. Wenn er mich entdeckt hätte, so hätte er mich sicher hinausgeschmissen".

Es war eine harte Zeit für Wissenschaftlerinnen. Das Frauenstudium war zwar möglich aber dennoch sehr umstritten. Erika Cremers Vater, selbst Mediziner und Wissenschaftler, hatte wie viele andere das Buch von Paul Julius Möbius "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes" in seiner Bibliothek stehen. Allerdings war er entgegengesetzter Meinung! Seine Tochter sollte studieren. 1916 gab er ihr den Rat:" Studiere, das ist das einzige Vermögen, das Dir nicht genommen werden kann."

1937 wurde Erika Cremer von Otto Hahn aufgefordert, in seinem Institut mitzuarbeiten und erlebte hier sogar einen historischen Moment: Es war die Entdeckung der Uranspaltung! 1938 habilitierte sie an der Friedrich-Wilhelm Universität in Berlin und erhielt 1940 den Ruf auf eine Dozentur in Innsbruck. Sie erhielt 1945 zusätzlich die Leitung des Physikalisch-Chemischen Instituts in Innsbruck. Es folgten die schönsten und fruchtbarsten Jahre ihrer wissenschaftlichen Laufbahn. Ihr Ruf erlangte internationales Ansehen, und 1959 erlangte sie den Ordinarius für physikalische Chemie. Erika Cremers Arbeiten waren originell und vielseitig. Ihre rund 100 Veröffentlichungen belegen nicht nur ihren Fleiß, sie zeigen auch das breite Spektrum ihrer wissenschaftlichen Arbeit, das von der Physikalischen Chemie in die Analytische, Organische und Technische Chemie reicht.

Die TU Berlin ehrte Erika 1965 mit der Würde eines Ehrendoktors und zeichnete damit eine große Wissenschaftlerin aus, die es in einer Zeit zu wissenschaftlichem Erfolg gebracht hat, in der dies für Frauen sehr außergewöhnlich war.
Ines Dost


6/'96 TU-Pressestelle