Schleichende Etablierung

Der "Vormarsch" der Frauen an der TU Berlin

Eigentlich ist die Bezeichnung "Vormarsch" zur Beschreibung der Entwicklung des Frauenanteils an der TU Berlin übertrieben, denn die Etablierung von Frauen an dieser Universität vollzog sich eher schleichend. So dauerte es drei Jahrzehnte, nach Gründung der Vorläufer-Einrichtung der TU Berlin - der Königlichen Technischen Hochschule zu Berlin - im Jahre 1879, ehe die ersten Frauen zum vollen Studium zugelassen wurden. 1909 konnte die erste Frau ein Studium mit einem Abschluß beenden, der dem eines Mannes gleichwertig war. Zuvor war es nur einigen wenigen Frauen möglich, überhaupt an Vorlesungen teilzunehmen. Dies setzte eine Genehmigung des Kultusministers voraus, die er erstmals 1896 erteilte. Sieben Jahre später besetzte die erste Frau einen Arbeitsplatz an der Hochschule: Sie wurde als Telefonistin eingestellt!

Erst im Jahre 1908 wurde in Preußen das Frauenstudium zugelassen. Seit dieser Zeit erkämpfen sich die Frauen mühsam, aber stetig ihren Platz in den Wissenschaften auch an der TU Berlin
Bis 1931 lag der Anteil der studierenden Frauen an der Königlichen Technischen Hochschule unter zwei Prozent. Diese Anfänge des Frauenstudiums dokumentieren gleichzeitig die Anfänge einer Geschichte kontinuierlicher Abwesenheit von Frauen, die damals als "Naturgegebenheit" angenommen wurde.

Bis zum Zweiten Weltkrieg verteilte sich der geringe, nur minimalen Schwankungen unterliegende Frauenanteil auf die Bereiche Architektur, Allgemeine Wissenschaften und Chemie, wo 1921 die erste Promotion von einer Frau erworben wurde.

ERSTMALS ÜBER FÜNF PROZENT

Im Jahre 1941 erreichten die Frauen erstmals einen Anteil an der gesamten Studentenschaft, der über fünf Prozent lag. Die Zahl der beurlaubten Studenten nahm in diesem Jahr stark zu, was auf den Krieg mit seinem Bedarf an jungen Männern zurückzuführen ist. Ein Anstieg des Studentinnenanteils ist daher erklärbar.

1930 wurde die erste "Frauenorganisation" der Hochschule gegründet: die "Gemeinschaft der TH-Studentinnen". Es war ein erster Versuch, an technisch und industriellen Fragen interessierte Frauen zusammenzubringen. Von hier aus wurden in den folgenden Semestern Vortragsabende, hauptsächlich mit Bezug auf die spätere Berufspraxis, veranstaltet.

Nach dem Krieg und der Gründung der TU Berlin stieg die Anzahl der Studentinnen stetig und erhöhte sich sprunghaft, als 1964/65 die Philosophische Fakultät eingerichtet wurde. So studierten 1950/51 ca. 8,5% Frauen an der TU Berlin, bis 1958/59 halbierte sich dieser Anteil und 1970 konnte die TU Berlin rund neun Prozent Studentinnen vorweisen.

An der Gründung der Philosophischen Fakultät war maßgeblich eine Frau beteiligt: Dr. Clara von Simson. Sie wurde für ihr Engagement an der TU Berlin mit der Würde eines Ehrensenators ausgezeichnet. Eine weitere wichtige Persönlichkeit in der Geschichte der Universität ist Herta Hammerbacher: Sie wurde 1950 die erste Professorin der TU Berlin.

Die nächste Zäsur, die eine Erhöhung des Studentinnenanteils bewirkte, stellt das Jahr 1981 dar, als die Pädagogische Hochschule in die TU Berlin eingegliedert wurde. Dieser eher von Frauen genutzte Bereich ist auch heute noch ausschlaggebend dafür, daß die Frauen inzwischen 40 Prozent der gesamten Studentenschaft stellen.

DEUTLICH UNTERREPRÄSENTIERT

Betrachtet man die rein technischen Fächer, wie z. B. die Elektrotechnik, so sind hier die Frauen deutlich unterrepräsentiert, bis 1970 sind es weniger als ein Prozent. Heute stellen sie ca. sechs Prozent. Aber auch im Bereich der Wirtschaftswissenschaften sieht es von 1950 bis 1970 nicht positiv aus: Hier hat es einen kontinuierlichen Rückgang von 12 auf drei Prozent gegeben und dies obwohl die Gesamtzahl der Studierenden in diesem Fach gestiegen ist. Eine positive Entwicklung, was den Frauenanteil angeht, verzeichnet allein das Fach Architektur.

Bis 1931 lag der Anteil der studierenden Frauen an der TH Chalottenburg unter zwei Prozent. Heute hat sich der Studentinnenanteil an der TU Berlin auf rund 32 Prozent eingependelt. Die meisten von ihnen studieren am Fachbereich 2 Erziehungs und Unterrichtswissenschaften
Das Vorurteil, das auch heute noch vorherrscht, Frauen seien technisch weniger als Männer begabt und der Gedanke der eher "weiblichen" Nutzung der Studienmöglichkeiten waren und sind bestimmt Argumente, die einer für die Frauen positiveren Entwicklung im Wege standen und noch immer stehen. Außerdem scheint der Weg zu höheren Positionen innerhalb der Hochschulhierarchie für Frauen schwer begehbar. Gerade mal jeder 17. Hochschullehrer an der TU Berlin ist eine Frau. Und dies ist auch nur der Eingliederung der Pädagogischen Hochschule Anfang der 80er Jahre zu verdanken.

Von einem "Vormarsch" der Frauen läßt sich sprechen, wenn man dem Begriff Programmcharakter verleiht und in diesem Sinne versucht, althergebrachte Vorurteile zu überwinden und neue - auch in sozialer Hinsicht (Arbeitszeitorganisation) - alternative Möglichkeiten anzubieten. Corinna Volkmann,

Anke Sachse, Silke Szydlik


6/'96 TU-Pressestelle