Große Resonanz bei der Jugend

Clara von Simson - Ehrensenatorin der TU Berlin

"Temperamentvoll, lebendig und humorvoll-kritisch" - so beschrieben Zeitgenossen die 1897 in Rom geborene Wissenschaftlerin Clara von Simson, deren Lebensgeschichte und Leistungen Hochachtung verdienen. Geprägt von einem liberalen Elternhaus, studierte sie Physik und Chemie an der Universität in Heidelberg und später in Berlin, damals etwas völlig ausgefallenes für eine Frau. Clara von Simson führte das auf ihr Elternhaus zurück: "Sie [die Eltern] gaben uns Kindern das Gefühl der sozialen Verantwortung mit in unser Leben und ließen uns lernen was wir gerne wollten, auch wenn wir Mädchen waren."

1923 promovierte sie an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin zum Dr. phil. auf dem Gebiet der "Röntgenuntersuchung an Amalganen". Bis 1933 arbeitete sie als wissenschaftliche Assistentin an dieser Universität.

Clara von Simson wesentlich am Aufbau der Humanistischen Fakultšt beteiligt
Man könnte Clara von Simson an die Seite der anderen Koryphäen der Naturwissenschaft stellen, wäre da nicht die unfreiwillige Unterbrechung ihrer Laufbahn durch den Nationalsozialismus gewesen. Aus "rassischen Gründen" verbot man ihr den Fortlauf ihrer wissenschaftlichen Arbeiten an der Universität und zerstörte damit ihren beruflichen Lebensinhalt. 1933 mußte sie die Universität verlassen.

Erst nach Kriegsende konnte sie ihre wissenschaftliche Arbeit fortsetzen. Sie ging als Oberassistentin an die TU Berlin zurück, wo sie sich 1951 habilitierte und als Privatdozentin tätig war.

Mit einer erstaunlichen Aktivität half sie beim Wiederaufbau der TU Berlin mit und war wesentlich an der Gründung der humanistischen (später philosophischen) Fakultät beteiligt. "In losen, zum Teil aber auch organisierten Diskussionszirkeln wurde von Professoren, Assistenten und Studenten über allgemeine Fragen, vorwiegend aber über die Probleme der Universität, gesprochen", erinnerte sich Clara von Simson später: "Hier liegt die Ursprungsstätte unserer Humanistischen Fakultät."

VERTRETERIN IM AKADEMISCHEN SENAT

Clara von Simson war auch die treibende Kraft eines Zusammenschlusses von Assistenten, Oberassistenten und Privatdozenten, welche sie als Vertreterin in den Akademischen Senat wählten. Trotz ihrer Energie und Zielstrebigkeit war ein Rückeinstieg für sie kaum möglich, denn die wissenschaftliche Entwicklung war ihr in den 13 Jahren ihrer Abwesenheit davongeeilt, und der Vorsprung war nicht mehr aufzuholen.

Da sie ein besonderes Interesse an der Förderung der Berufsausbildung von Frauen und Freude am Umgang mit jungen Menschen hatte, nahm sie 1952 das Angebot an, Direktorin des Lettehauses zu werden. Clara von Simson: "_ es sei doch auch für die Wissenschaft notwendig, daß man die nichtwissenschaftlich Ausgebildeten zu Mitarbeitern erhielte, _, und daß dafür die Technische Fachhochschule des Lette-Vereins ein außerordentlich fruchtbarer Boden sei." In den elf Jahren, in denen sie den Lette-Verein leitete, war es ihr nach dem Wiederaufbau des Hauses ein besonderes Anliegen, die Ausbildung den zahlreichen qualifizierten Berufen besonders für Frauen anzupassen. Ihr pädagogisches Talent und ihr lebhaftes, tolerantes Wesen führten zu großer Resonanz bei der Jugend. Stets hatte sie auch für die privaten Probleme der Schüler ein offenes Ohr. "Es war in den ersten Jahren wichtig _, den jungen Menschen ein positives Verhältnis zu unserem jungen noch sehr schwankendem Staatsleben und ihnen erst einmal das Gefühl der Verantwortung zu geben, daß jeder einzelne das Gemeinsame mitträgt; zum anderen aber auch das Gefühl der Selbstbestätigung, daß es sich nämlich auch lohnt mitzuarbeiten."

In den Jahren 1963 bis 1971 war sie FDP-Abgeordnete in Berlin-Wilmersdorf und Mitglied des Ausschusses für Wissenschaft und Kunst, wo sie mit ihrer Sachkenntnis besonders für die Technische Universität Berlin Positives bewirken konnte.

ENGAGIERTE FRAUENRECHTLERIN

Als Frauenrechtlerin zeigte sie großes Engagement in Frauenvereinen wie dem Deutschen Akademikerinnenbund Berlin und führte den Vorsitz im Berliner Frauenbund. Sie forderte stets die Selbstbestimmung in der Wahl von Ausbildung und Beruf und absolute Chancengleichheit bei der Berufsausübung.

1966 wurde ihr nach sechsjähriger Tätigkeit im Akademischen Senat, als einer der wenigen Frauen überhaupt, die Ehrensenatorwürde der TU Berlin verliehen, 1973 wurde sie zur Stadtältesten ernannt. Im Januar 1983 starb Clara von Simson in Berlin.
Anke Sachse


© 6/'96 TU-Pressestelle