Feier mit Zwischentönen

Klassische Musik und ein Pfeifkonzert auf dem Festakt

"Nicht sprengen, sondern mitgestalten" wollten die Studierenden den Festakt zum TU-Jubiläum
In einem übervollen Audimax fand am 15. April der akademische Festakt zur 50. Wiederkehr der Gründung der Technischen Universität Berlin statt. Neben einer Vielzahl geladener Gäste waren insbesondere die Studierenden gekommen: Etwa 2000 schwarzgekleidete, mit weißer Lilie oder Kerzen ausgestattete Studenten hatten sich eingefunden, um ihren Protest gegen die Einsparungen an den Hochschulen, gegen die Streichung von Studiengängen sowie die drohende Einführung von Studiengebühren zu bekunden. Mit einem Sarg trugen sie die TU Berlin symbolisch zu Grabe. Um Mißverständnissen vorzubeugen, erklärten sie aber gleich zu Beginn der Veranstaltung, daß sie die Veranstaltung "nicht sprengen, sondern mitgestalten" wollten.
Schwarze Kleidung, weiße Lilien: Studierende tragen ihre TU Berlin symbolisch zu Grabe
Vor Beginn der Festreden spielte das Sinfonieorchester des Collegium Musicum der Berliner Universitäten unter Leitung von Manfred Fabricius. Mitten im Spiel jedoch brach die Musik ab. Ein Musiker trat ans Rednerpult und erklärte, wegen der Einsparungen, die der Berliner Senat den Universitäten aufgebürdet habe, könne auch das Hochschulorchester seinen Musikbeitrag nicht mehr zu Ende spielen.
TU-Präsident Dieter Schumann
Die Eröffnungsrede hielt der Präsident der Technischen Universität Berlin, Professor Dieter Schumann, der von der Bedeutung des Gründungsdokuments für die TU Berlin sprach. Dieses enthalte die aktuelle Verpflichtung zu einer den ganzen Menschen erfassenden universalen Ausbildung und Bildung. Der Gründungsauftrag enthalte aber auch die Verpflichtung, dem Anspruch der Hochschule als Universität gerecht zu werden. Schumann betonte, daß dies bedeutet, daß die Geistes- und Sozialwissenschaften integraler Bestandteil des wissenschaftlichen Profils der TU Berlin sind und auch bleiben werden.
Bürgermeister Eberhard Diepgen
Mit Buhrufen und Pfiffen begleiteten die Studenten die anschließenden Grußworte des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Eberhard Diepgen. Kaum zu hören war seine Rede, in der er von der Kooperation der Technik- und Naturwissenschaften mit den Geistes- und Sozialwissenschaften als einem unverzichtbaren Bestandteil der Hochschulentwicklung in Berlin sprach. Zum Angebot einer TU Berlin gehörten jedoch nicht unbedingt alle Teilbereiche der Lehrerbildung, erklärte Diepgen und forderte die Hochschule auf, den Herausforderungen, die die Haushaltslage mit sich bringe, nicht auszuweichen, sondern sie als Aufgabe anzunehmen.

Die "Queen's Lectures" mit prominenten britischen Wissenschaftlern werden im Herbst 1996 an der TU Berlin wieder aufgenommen, teilte die Britische Gesandte, Miss Rosemary L. Spencer, in ihrem Grußwort mit. Zuvor erinnerte die Gesandte an die Gründung der Technischen Universität vor 50 Jahren im damaligen britischen Sektor. Die Unterstützung der Engländer damals war einer der ersten Schritte im Prozeß der Versöhnung zwischen den Deutschen und den Briten. Aus der Besatzungsmacht sei eine Schutzmacht geworden, heute seien beide Partner und Freunde.

AStA-Vorsitzende Antje Ziebell
Nichts zu feiern gibt es für die Studierenden der TU Berlin, betonte Antje Ziebell, Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses der TU Berlin (AStA). Begleitet vom Beifall der Studenten fordert sie die Regierungskoalition Berlins auf, nicht in die Hochschulautonomie einzugreifen. Der Protest der Studierenden richte sich insbesondere gegen die Streichung von Studiengängen in den Geistes- und Sozialwissenschaften und gegen die Einführung von Studiengebühren, womit der freie Zugang zur Bildung für alle abgeschafft würde.
Entspannung nach dem Festakt: Der Empfang im Lichthof mit Wein und Brezeln
Zwei Festvorträge standen im Mittelpunkt des Festaktes. Den ersten Festvortrag hielt Prof. Dr. Günter Abel vom Fachbereich 1 Kommunikations- und Geschichtswissenschaften der TU Berlin. "Wissenschaft, Technik und Verantwortung. Die TU Berlin 1946-1996" war das Thema seines Vortrages, in dem er kritisch die letzten 50 Jahre der TU Berlin beleuchtete. Die Situation der Universität jetzt beschrieb Abel mit einem Schiff, das auf offener See umgebaut werden müsse. Die Seeleute hätten nicht die Möglichkeit, es in einem Dock zu zerlegen und aus den besten Bestandteilen ein neues zu errichten. Hoffen könne man nur, "daß sich nicht vor den Augen der Öffentlichkeit ein hochschul- und finanzpolitischer Schiffbruch mit Zuschauern ereignet".

Wissensorientiert sei die Ausbildung in Deutschland, in Oxford hingegen werde viel Wert auf die Ausbildung des ganzen Menschen gelegt sagte Lord Roy Harris Jenkins, Kanzler der Universität Oxford, der den zweiten Festvortrag hielt. Lord Jenkins schilderte, welches Verständnis Großbritannien von den charakterbildenden Eigenschaften einer höheren Bildung habe. In kleinen Gruppen werden die Studenten im Grundstudium von studentischen Tutoren unterrichtet, was dazu führe, daß neben dem notwendigen Fachwissen die Studenten Teamgeist und so etwas wie intellektuelles Temperament erwerben.

Janny Glaesmer


5/'96 TU-Pressestelle