Bernd Kochendörfer

Ordnung schaffen

Die Baustellen gehören mittlerweile in Berlin genauso ins Stadtbild wie das Brandenburger Tor, und für diejenigen Menschen, die sich in irgendeiner Weise mit dem Thema "Bau" beschäftigen, dürfte es zur Zeit keinen interessanteren Ort geben. Einer, für dessen Beruf diese Stadt ebenfalls einen anregenden Hintergrund bietet, ist Prof. Dr.-Ing. Bernd Kochendörfer, seit letzten Sommer neuer Professor am Fachgebiet Baubetrieb und Baumaschinen der TU Berlin.

Die Bezeichnung seines Fachgebietes führt den Außenstehenden zuerst etwas in die Irre, meint man doch, daß sich hier jemand mit der Konstruktion von Baumaschinen beschäftigt. Mit Baumaschinen hat Bernd Kochendörfer jedoch nur noch insofern etwas zu tun, was deren optimalen Einsatz bei Bauprojekten angeht. Vielmehr beschäftigt er sich mit der betriebswirtschaftlichen Seite des Bauens, also mit dem Management von Bauprojekten und Baufirmen. In diesen Bereich fällt alles, was mit Finanz- und Rechnungswesen, mit Kalkulation und mit Kostenermittlung zu tun hat. Dazu gehört aber auch die Planung von Abläufen in den Projekten, die technische Vorbereitung von Baumaßnahmen und die Beschäftigung mit Problemen der Baustelleneinrichtung. So wie sich das Berufsbild eines Bauingenieurs gewandelt hat, so hat sich auch das Fachgebiet an der TU Berlin gewandelt. Zwar braucht man auch heute noch in der Branche spezialisierte Ingenieure. Geht es jedoch um Führungspositionen, ist man interessiert an "Generalisten". Führungskräfte müssen ein breites Spektrum abdecken, das von der Angebotbearbeitung über die Kundenbetreuung und der Akquisition bis hin zur Abwicklung von Baumaßnahmen reicht. "Bauunternehmen verkaufen heute nicht mehr Beton und verarbeiten diesen", faßt Prof. Kochendörfer zusammen, "es gibt heute Bauunternehmen, die ganze Systeme, wie bsw. einen Flughafen anbieten, und diesen nicht nur planen und bauen, sondern sich darüber hinaus auch an dessen Betreibung beteiligen". Bernd Kochendörfer möchte daher nicht nur die "Grundversorgung" in der Lehre abdecken, er möchte seinen Studenten auch Aspekte der Personalführung oder der Rhetorik und Verhandlungsführung vermitteln. Vor diesem Hintergrund ist es nicht weiter verwunderlich, daß in seinen Vorlesungen nicht nur angehende Bauingenieure sitzen, sondern ein großer Teil auch aus den Wirtschaftswissenschaften kommt.

Daß Bernd Kochendörfer für diese Aufgaben geeignet ist, zeigt ein Blick auf seinen Lebenslauf. Nach dem Studium des Bauingenieurwesens an der Universität Stuttgart und einer sechsjährigen Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter, ebenfalls in Stuttgart, verließ er 1978 als Dr.-Ing. die Universität und war bis 1995 freiberuflich tätig. Für eine große Ingenieur-Gesellschaft übernahm er als Partner und Geschäftsführer u.a. das Projektmanagement und die bautechnische Beratung und betreute Großprojekte wie das Jumbo-Überholungszentrum Lufthansa-Werft, die Hauptverwaltung der Volksfürsorge oder die Kläranlage Salzgitter. Somit bekommt das Fachgebiet einen Experten aus der Praxis, dem allerdings das universitäre Leben und Arbeiten auch nicht fremd ist. Das größte Problem, gegen das Bernd Kochendörfer zur Zeit angehen muß, ist die "Wiederbelebung" seines Fachgebietes an der TU Berlin, das seit 1989 nicht besetzt war. "Ordnung schaffen" - so beschreibt Prof. Kochendörfer vereinfacht die Aufgaben eines Projektmanagers, auf Lehre und Forschung in seinem Fachgebiet läßt sich dies ebenfalls momentan gut übertragen. Hilfreich wird ihm dabei sowohl die Baustelle Berlin, aber besonders auch die zahlreichen Bereiche innerhalb der TU Berlin sein, die ebenfalls in dieser Richtung arbeiten und mit denen er sich in Zukunft eine engere Zusammenarbeit vorstellen kann.

Bettina Weniger


7/'96 TU-Pressestelle