TU intern - April 1998 - Wissenschaft

Eine Nase drehen ...

Das Berliner Lexikon der Alltagsgesten

Gebärden sind ein fester Bestandteil der alltäglichen Kommunikation in unserer Stadt. Neben dem in den letzten Jahren so berühmt gewordenen Stinkefinger gibt es eine Vielzahl anderer Gesten, die unseren Alltag bestimmen, ohne daß uns ihr Gebrauch bewußt würde. Und dennoch werden sie von uns verwandt und leisten ihren mehr oder weniger großen Beitrag zum Funktionieren der Kommunikation in unserer Gesellschaft.

Angesichts der Tatsache, daß dieses Moment unserer alltäglichen Kommunikation kaum untersucht ist, hat sich an der TU Berlin eine Forschergruppe zusammengeschlossen, um die Gebärden des Berliner Alltags aus den verschiedensten Perspektiven zu erforschen. Es entstand, vor fast vier Jahren, das interdisziplinäre Forschungsprojekt "Gebärdenerkennung mit Sensorhandschuh" unter Leitung der Professoren Günter Hommel (Informatik), Ernst Obermaier (Mikroelektronik) und Roland Posner (Semiotik, Linguistik).

Der Sensorhandschuh, der eine Übersetzung der Gesten in computerlesbare Daten ermöglicht. Mikroelektronische Sensoren auf dem Handschuh messen die Bewegungen der Finger und wandeln sie in elektronische Werte um. Diese können vom Computer verarbeitet und einzelne Gesten, z.B. denen des Berliner Gebärdenlexikons, zugeordnet werden. Denkbar wäre auch eine EDV-gestüzte Übersetzung der Gebärdensprache in Wort und Schrift
Die Informatiker haben dabei die Möglichkeiten erforscht, Bewegungen der Hand über einen Sensorhandschuh so aufzunehmen, daß sie in Computerdaten verwandelt werden können. Diese sind charakteristisch für bestimmte Gesten und müssen immer wieder zu erkennen sein.

Dazu waren mikroelektronische Vorarbeiten erforderlich. Es bestand keine technisch sinnvolle Möglichkeit die Bewegungen jedes einzelnen Fingergliedes in allen drei Raumrichtungen als Beschleunigung zu messen. Dies ist aber nötig will man die Bewegung als elektronischen Wert darstellen. Hierzu wurden neuartige Typen von mikroelektronischen Sensoren entwickelt und erfolgreich auf dem Handschuh eingesetzt.

Um die so gewonnen Daten den Bedeutungen der Gebärden sicher zuordnen zu können, wurde in Feldstudien erforscht, wie die befragten Berliner die jeweiligen Gesten erkennen und interpretieren. Zudem mußte ein System der schriftlichen Fixierung der Gebärden entwickelt werden. Dazu eignete sich das Hamburger Notationssystem, eine Zeichenschrift, die zur Fixierung von Gebärden der Gehörlosensprache entwickelt wurde.

Schließlich mußte umfangreiche sprach- und kulturgeschichtliche Arbeit geleistet werden, um die verschiedenen Ausführungsformen und Bedeutungen einzelner Gesten erklären zu können. Dies geschah mit dem Ziel, die Herkunft der jeweiligen Gebärde und damit auch ihrer Varianten und Bedeutungsnuancen bis in früheste Zeiten zurückzuverfolgen.

Im Rahmen dieser Arbeiten an den unterschiedlichsten Aspekten der Gesten entstand das Konzept eines Berliner Lexikons der Alltagsgesten, dessen erste Einträge nunmehr vorliegen.

Die Arbeit am Berliner Lexikon der Alltagsgebärden ist jetzt Ausgangspunkt eines internationalen Symposiums zum Thema "The Semantics and Pragmatics of everyday Gestures", das vom 23.-26. April 1998 an der Arbeitsstelle für Semiotik der TU Berlin durchgeführt wird. Auf dieser Seite stellen wir den Eintrag des Berliner Lexikons der Alltagsgebärden zum Thema "Eine Nase drehen" vor.

Reinhard Krüger


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