TU intern - Dezember 1998 - Menschen

"Das Herz der Stadt zu einem riesigen Kreisverkehr machen?"

Richard Rogers kritisiert das Verkehrschaos am Potsdamer Platz

Richard Rogers (3. v. l.) im überfüllten Audimax der TU Berlin
”Städte sind einfach Orte, wo sich viele Menschen auf engem Raum treffen und Ideen austauschen," lautet die Philosophie des britischen Architekten Richard Rogers. Und Richard Rogers verfügt über ausreichend Ruhm und Charisma, um seine Idee vom dichten öffentlichen Raum sogleich in die Tat umzusetzen. Zu seinem Vortrag ”Cities of tomorrow" kamen Tausende gespannter Zuhörer, die die Queen's Lecture 1998 auf den überfüllten Rängen des Audimax zu einem kulturellen Ereignis machten, wie es die TU Berlin lange nicht gesehen hat.

In seinem Vortrag ”Cities of tomorrow" sprach Richard Rogers wie erwartet über das, was ihm am meisten am Herzen liegt: die ökologische, die menschenfreundliche und kompakte Stadt der Zukunft.

DIE STÄDTE VERLIEREN IHR ZENTRUM

Anhand von vielfältigen Grafiken und Bildern erläuterte er zunächst die gegenwärtige Situation in den Städten: Der immense Zuzug - im Jahr 2025 werden drei Viertel der Menschen in Städten leben - und die ständig steigende Überbevölkerung führen dazu, daß die Städte immer mehr zersiedeln und ihr Zentrum verlieren. Der wachsende Autoverkehr verdrängt das öffentliche Leben von den Straßen und macht soziale Kontakte, die früher etwa auf dem Fußweg zur Arbeit entstanden, unmöglich. Die Stadt wird kalt, steril und tot, was Rogers an den unterirdischen Straßensystemen Houstons deutlich machte. Diese darf man nur mit Ausweis und Identifikation passieren, während draußen das Chaos tobt. Die immense Energieverschwendung, etwa durch den Gebrauch von aufwendigen Klimaanlagen, und die zunehmende Umweltverschmutzung zerstören die lebensnotwendige Natur. Dieser Situation stellt Rogers seine Vision einer lebenswerten Stadt entgegen, die sich am Vorbild mittelalterlicher Städte mit ihren Foren und Plätzen orientiert. ”Städte", so Rogers, ”sind einfach Orte, wo sich viele Menschen auf engem Raum treffen und Ideen austauschen." Dementsprechend möchte Rogers die Stadt vor allem als öffentlichen Raum zurückerobern und zentrale Plätze, Knotenpunkte hoher Dichte, schaffen, an denen sich das Leben abspielt und eine neue öffentliche Kultur entsteht.

EINE KOMPAKTE STADT

Dazu muß eine Stadt vor allem kompakt sein, kurze Wege müssen eine schnelle Verbindung zwischen den einzelnen Punkten ermöglichen, damit auf engem Raum eine Vielfalt von Leben, Arbeit und Kultur entstehen kann. Darüber hinaus sollen die Stadt und die Architektur der Zukunft umweltfreundlich sein. Rogers setzt daher vor allem auf Recycling von Energien und auf eine optimale Anpassung der Gebäude an ihre Umwelt, damit lebensnotwendige Ressourcen geschont und möglichst natürliche Energiequellen wie Wind, Wasser und Sonne genutzt werden können.

Theoretisch lieferte der Vortrag von Richard Rogers, seine Forderungen nach Umweltverträglichkeit und mehr sozialem Kontakt, nicht viel Neues. Lebendig wurden seine Ausführungen jedoch da, wo er seine Vorstellungen von der ”guten Stadt" und seine Ideen zu einer langlebigeren Architektur an eigenen Bauwerken in Shanghai, London oder Bordeaux illustrierte. Er zeigte Gebäude, die sich mit großen Glasflächen in Richtung Sonne wenden, um möglichst viel von der natürlichen Energie einzufangen. Andere Bauten, wie die Versicherung Lloyds in London, waren mit auswechselbaren Versorgungszellen an der Außenseite bestückt, die bei Schäden schnell und problemlos ersetzt werden können, ohne daß komplizierte Reparaturen im Inneren des Hauses nötig sind. Wieder andere konnten sich den Temperaturen ihrer Umwelt durch die Nutzung von Wind- und Wasserenergie optimal anpassen. Besonders beeindruckend war Rogers neues Gerichtsgebäude in Bordeaux, ein Niedrigenergiehaus, das aus sieben gewaltigen Kuppeln besteht, die die einzelnen Gerichtshöfe beherbergen. In der Spitze der Kegel befindet sich ein ausgeklügeltes Belüftungssystem, das Abwärme recycelt und stromfressende Klimaanlagen überflüssig macht. Ein weiteres Projekt, das vor allem in den letzten Wochen für Aufsehen sorgte, ist Rogers ”Millenium Dome" im Londoner Stadtteil Greenwich. Der riesige Dome aus weißen Zeltplanen, der in Zukunft Außstellungsprojekte beherbergen soll, ist nicht allein seiner selbst wegen ein gelungenes urbanistisches Projekt, sondern vor allem deshalb, weil er den heruntergekommenen Stadtteil durch die Erweiterung der U-Bahn sowie moderne Gewerbe- und Wohnviertel zu neuem Leben erweckt hat.

Der Millenium Dome im Londoner Stadtteil Greenwich
Natürlich nahm Rogers auch Bezug auf seine Bauten in Berlin und kritisierte anhand der Bebauung des Potsdamer Platzes sowie des geplanten Bürohauses für die Firma Brau und Brunnen in der Joachimsthaler Straße die rigiden Vorgaben des Senats, die eine kreative Architektur unmöglich machten. Besonders deutlich wurde Rogers Kritik in seinen Erläuterungen zum Potsdamer Platz, wo die vorgeschriebene quadratische Struktur seiner Häuser die optimale Ausnutzung von Wind und Sonne verhindert. Vor allem aber monierte Rogers die Straßenführung: Der verbindliche Bebauungsplan hatte auf einen großen zentralen Platz verzichtet und stattdessen Straßen vorgesehen, die das Gebiet zu einem der Hauptverkehrsplätze der Stadt machen. ”Man kann doch", so Rogers, ”das Herz der Stadt nicht in einen riesigen Kreisverkehr verwandeln. Die Räume zwischen den Gebäuden sich nicht für die Autos da, sondern für die Menschen."

Mirjam Schmidt

”Die Räume zwischen den Gebäuden sind nicht für die Autos da, sondern für die Menschen."

Richard Rogers


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