Forschung Aktuell

 Wissenschaftsdienst
Nr. 1, März 2000

TU Berlin Wissenschaftsdienst der TU Berlin
Ausgabe Jg. 1 / Nr. 1 / März 2000

Musiksoziologie
Die soziale Ungleichheit lebt - in den Konzertsälen

Stefanie Hertel - der Shootingstar der Volksmusik sorgt nicht nur für hohe Einschaltquoten, sondern füllt seit Jahren fast jeden Musikpalast. Je nach Konzertart - ob Volksmusik, Pop oder Klassik - unterscheiden sich jedoch die Zuhörer in ihrer sozialen Zusammensetzung. "Die Wertestruktur des Publikums findet ihren jeweiligen Ausdruck in den Liedtexten und über die Musik erfährt das Publikum zudem eine kollektive Emotionalisierung", erklärt Dr. Hans Neuhoff. Der Musiksoziologe vom Institut für Kommunikations-, Medien- und Musikwissenschaft der Technischen Universität (TU) Berlin betreut eine Untersuchung, bei der 6500 Konzertbesucher in Berlin befragt wurden. "Wir können nun erstmals eine genaue Landkarte musikalischer Ge-schmacks-kulturen zeichnen und den einzelnen Arealen auch soziale Beschreibungen zuordnen."

Außerdem zeigt das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützte Projekt noch zwei andere Aspekte, die gängige Vorstellungen in ein neues Licht rücken: Demnach müssen ästhetische Gesichtspunkte, die die Hauptmotivation für einen Konzertbesuch darstellen, ergänzt werden, um funktionale Gesichtspunkte: nämlich dem Wunsch nach Bestätigung des Wertesystems der eigenen sozialen Gruppe. "Und die Ergebnisse zeigen ebenso, dass die traditionelle Form vertikaler sozialer Ungleichheit im Kulturleben auch heute noch zu beobachten ist", resümiert der Wissenschaftler, dessen Team zwanzig Konzerte aller Musikrichtungen - von Karel Gott über die Philharmoniker bis hin zu Metallica - besuchte.

Vor allem bei den Volksmusikkonzerten trafen die Wissenschaftler auf ein vergleichsweise homogenes Publikum. Es gleicht sich besonders in der Altersstruktur, dem sozialen Hintergrund und den Lebenszielen. Geborgenheit, Sicherheit und Familie sind für die Besucher eines Volksmusikkonzertes unter allen befragten Musikpublika am wichtigsten. Relativ hoch ist bei dieser Besuchergruppe auch der Anteil an PDS-Wählern - ein Befund, der auch durch den hohen Anteil an Besuchern aus den neuen Bundesländern zu erklären ist. Andere Indikatoren wie Engagement zeigen, Führungspositionen übernehmen oder die Welt verändern spielen für sie - im Vergleich zum Wagner-Publikum - eine geringere Rolle. "Musical-Veranstaltungen haben den höchsten Anteil an CDU-Wähler. In den Wagner-Aufführungen trifft man dem gegenüber auf einen relativ hohen Anteil an SPD- und Grünen-Sympathisanten. Das Image des Wagner-Publikums, ein rechts-konservatives zu sein, muss für die Berliner Situation definitiv korrigiert werden", so der Musikwissenschaftler.

Vor allem die Wagner-Besucher genießen die Komplexität des Werkes, zelebrieren bei den langen Aufführungen eine gemeinschaftliche Selbstbeherrschung. "Das ist ein typisches Handlungsmuster einer so genannten aufgeschobenen Befriedigung, einer Verhaltensanforderung, die man auch für komplexe und langandauernde wirtschaftliche Prozesse benötigt." Die Volksmusikbesucher hingegen suchen das Gemeinschaftserlebnis: Sie fassen sich an und schunkeln gemeinsam. Der Aspekt der Geborgenheit und Sicherheit steht bei ihnen im Vordergrund.

Auch der soziale Hintergrund der Besucher unterscheidet sich je nach Musikrichtung: Einen Hochschulabschluss besitzen rund die Hälfte der Wagner-Besucher, auf einen Haupt-/Volks-schul---abschluss verweisen hingegen viele der Volks-musikliebhaber. Außerdem kommen zu einem Konzert von Stefanie Hertel lediglich drei Prozent der Besucher allein - im Gegensatz zur Wagner-Gemeinde. Diese setzt sich aus einem sehr hohen Anteil an Einzelbesuchern (30 Prozent) und aus Singles (40 Prozent) zusammen. Auch die Altersstruk-tur lässt die Ungleichheit der beiden Publika erkennen: Liegt das Durchschnittsalter bei den Volks-musik-hörern bei 60 Jahren, so ist es beim Wagner-Publikum fast gleichmäßig auf alle relevanten Altergruppen verteilt.

"Mit dieser Untersuchung können wir den Musikhörer als Sozialfigur beschreiben", resümiert der Wissenschaftler. Die Ergebnisse verdeutlichen besonders den Trend zur sozialen Ungleichheit, also eine Ausdifferenzierung in gesellschaftliche Großgruppen, bei denen vertikale und horizontale Merkmale sozialer Ungleichheit Abgrenzungen hervorrufen.

Datenbank

Ansprechpartner: Dr. phil. Hans Neuhoff, Technische Universität (TU) Berlin, Institut für Kommunikationswissenschaft, Medien- und Musikwissenschaft
Fachgebiet: Musikwissenschaft/Musiksoziologie
Forschungsprojekt: Publikumsanalyse im Konzertsaal
Kontakt: TU Berlin, Straße des 17. Juni 135, D-10623 Berlin, E-Mail: muwi0134@mailszrz.zrz.tu-berlin.de, Telefon: (030) 314 -22789, Fax: (030) 314 -22235

3900 Zeichen, Download als .rtf-Datei