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Jg. 2, Nr. 2, Mai 2001

TU Berlin Wissenschaftsdienst der TU Berlin
Ausgabe Jg. 2 / Nr. 2 / Mai 2001

Arbeitswissenschaften
Bessere OP-Planung mit Software-Agenten

In deutschen Krankenhäusern werden pro Jahr mehr als drei Millionen Narkosen verabreicht. Der Anästhesist steht während der OP unter einem Stress, wie er sonst nur bei Helikopterpiloten gemessen wird. Menschliches Versagen ist der häufigste Grund für Zwischenfälle. Die softwaregestützte OP-Vorbereitung soll Anästhesisten künftig die Arbeit erleichtern: Am Institut für Arbeitswissenschaften entwickeln Wissenschaftler der TU Berlin ein intelligentes Informationssystem.

"Viele Informationen werden in Krankenhäusern heute schon digital gespeichert. Die von uns entwickelte Plattform soll dabei helfen, die Informationen aus verschiedenen Abteilungen zusammenzutragen", sagt Holger Köth, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Projekts "Agentenbasierte Informationslogistik der OP-Planung in der Anästhesie", kurz AGIL genannt. Anästhesisten müssen bei der Planung einer Operation mit vielen Abteilungen kommunizieren. Aus den Ergebnissen der klinischen Untersuchung machen sie sich ein Bild vom Patienten, fordern Laborbefunde sowie Röntgenbilder an und planen schließlich den Operationsverlauf mit der Chirurgie. "Bislang muss man in Kleinarbeit die Akten zusammen suchen. Den Wissensstand der Kollegen erfährt man übers Handy oder mündlich", erklärt Holger Köth, der selbst zeitweise als Anästhesist tätig ist. Manche Informationen bleiben dabei allerdings auf der Strecke.

Im Rahmen des AGIL-Projekts wird nun eine Software-Lösung erarbeitet, die dem Anästhesisten die OP-Vorbereitung erleichtern und dem Krankenhaus Kosten sparen soll. Doch kann Standardsoftware meist nicht flexibel genug auf die oft unvorhersehbaren Ereignisse im Krankenhausalltag reagieren. Das Projekt setzt deshalb auf so genannte "intelligente Software-Agenten", die auf veränderte Planungen zum Beispiel bei einem Notfall reagieren können. "Software-Agenten können für den Benutzer Informationen sammeln, analysieren und ihm dann präsentieren", erklärt Holger Köth.

Besonders in der Anästhesie muss stark vernetzt gearbeitet werden und meistens wiederholen sich die Arbeitsschritte. Software-Agenten können hier, je nach Funktionalität, auf verschiedenen Ebenen zum Einsatz kommen. Die so genannten Informations-Agenten tragen in den Datenbanken des Krankenhauses alle Informationen über einen Patienten zusammen. Interface-Agenten geben die relevanten Daten über einen Bildschirm oder einen Handheld-Computer an den Menschen weiter. "Die Aufgabe dieser Programme ist im Voraus definiert, sie erledigen ihre Arbeit selbständig im Hintergrund", sagt Holger Köth. Außerdem sollen die Agenten mit anderen Programmen kommunizieren sowie Abläufe im Netzwerk überwachen und interpretieren können, um auf Unvorhergesehenes zu reagieren. Partner der TU-Wissenschaftler ist das Forschungsinstitut Anwendungsorientierte Wissenschaften der Universität Ulm, wo der Informatikteil des Projekts umgesetzt und eine Entwicklungsumgebung entworfen wird.

Bislang werden Software-Agenten in der Praxis kaum eingesetzt, erste Versuche damit habe, so weiß Holger Köth, DaimlerChrysler in der Fertigungslogistik unternommen. Der Einsatz im Krankenhaus gestaltet sich vor allem deshalb schwierig, weil die Abläufe komplex sind und es viele Stellen gibt, wo Mensch und Maschine aufeinander treffen. Dazu kommt, dass Krankheiten meist individuell unterschiedlich und nicht - wie zum Beispiel die Produktion eines Autos - immer gleich verlaufen. Das vergangene halbe Jahr hat Holger Köth deshalb damit verbracht, den Informationsfluss und die Arbeitsprozesse eines Krankenhauses zu studieren. Als Anschauungsbeispiel stellte sich die Universitätsklinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin der Berliner Charité zur Verfügung. "Von der Aufnahme in der Rettungsstation bis zur Entlassung aus dem OP haben wir uns angesehen, wie und wo die Patientendaten gesammelt und weiterverarbeitet werden." Die Analyse sollte den Wissenschaftlern Aufschluss geben, welche der anfallenden Aufgaben von Software-Agenten übernommen werden könnte. Die ersten brauchbaren Agenten will das Projekt in ungefähr zwei Jahren präsentieren können.

AGIL wird im Rahmen des Schwerpunktprojektes "Intelligente Software-Agenten und betriebswirtschaftliche Anwendungsszenarien" der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert, das noch bis zum Jahr 2006 läuft.

Claudia Wessling

Datenbank

Projekt: AGIL Agentenbasierte Informationslogistik der OP-Planung in der Anästhesie innerhalb des DFG-Schwerpunktes: Intelligente Softwareagenten und betriebswirtschaftliche Anwendungsszenarien
Ansprechpartner: Brita Semar, Institut für Arbeitswissenschaft und Produktergonomie der Technischen Universität Berlin
Kontakt: Steinplatz 1, 10623 Berlin, Tel.: 030/314 79 511, E-Mail: brita.semar@awb.tu-berlin.de 
Fachgebiet: Arbeitswissenschaften
Finanzierung: Deutsche Forschungsgemeinschaft

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