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 Wissenschaftsdienst
Jg. 2, Nr. 2, Mai 2001

TU Berlin Wissenschaftsdienst der TU Berlin
Ausgabe Jg. 2 / Nr. 2 / Mai 2001

Innovative Materialauswahl
Grüne Entwicklungshilfe für die Industrie

Innerhalb eines 10-Millionen-Mark-Projektes haben Wissenschaftler der TU Berlin ein weltweit einmaliges Instrument zur umwelt- und recyclingorientierten Materialauswahl entwickelt. Im Verbund mit Fachkollegen und Industriepartnern gelang es ihnen, Produktentwicklern ein Hilfsmittel zu liefern, mit dem sie innovative Lösungen und Kombinationen aus mehr als 3000 Basismaterialien sicher entwickeln können. Die Methode wurde bereits für Bauteile des neuen Ford Mondeos und eines LKW von Mercedes-Benz getestet.

Metalle, Glas oder keramische Erzeugnisse - Produktentwicklern stehen heute eine Vielzahl von herkömmlichen und neuen Materialien zur Auswahl. Doch welche Lösung oder Kombinationen sind die besten und kostengünstigsten für das angestrebte Produkt? Welche sind zudem die innovativsten mit Blick auf den Umweltschutz oder die gesetzlichen Recyclingrichtlinien? Unter der Leitung von Prof. Dr.-Ing. Günter Fleischer haben Wissenschaftler der TU Berlin in einem siebenjährigen Projekt dafür ein weltweit einmaliges Instrument entwickelt: euroMat - entwicklungsbegleitendes Instrument für umwelt- und recyclingorientierte Materiallösungen - ermöglicht nun eine umfassende und vor allem umwelt- und recyclingorientierte Materialauswahl. "Mit anderen Wissenschaftlern aus zwei Fraunhofer-Instituten und der BTU Cottbus sowie zahlreichen Industriepartnern ist es uns gelungen, mit euroMat eine Lücke für die industriellen Anwender zu schließen", sagt Projektkoordinator Gerald Rebitzer vom Institut für Technischen Umweltschutz.

Bereits existierende Marktlösungen bieten entweder einfache, wenig aussagekräftige Checklisten oder verlangen sehr spezifisches Know-how. Das 10-Millionen-Mark-Projekt, finanziert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, ermöglicht nun eine ganzheitliche, schnelle und aussagesichere Auswahl. Mit den unterschiedlichen Komponenten des Softwaretools ist es möglich, sich von der Materialempfehlung über die Fertigungs- und Recyclingwege für das Bauteil bis hin zu dessen Umwelt-, Kosten-, Arbeitsumwelt- sowie Risikobewertungen durchzuarbeiten. "Dabei ist euroMat so konzipiert, dass der Anwender für sein spezifisches Vorhaben die geeignetsten Varianten aus allen möglichen Materialien und Materialkombinationen vorgeschlagen bekommt", berichtet der TU-Wissenschaftler. Dabei stehen weit mehr als 3000 unterschiedliche Basismaterialien zur Auswahl, aus denen ein Vielfaches an Kombinationen (potenzielle neue Werkstoffe) gebildet werden kann. Weiterhin beruht euroMat auf einer integrativen Vorgehensweise, die alle relevanten Bereiche über den gesamten Lebensweg der betrachteten Materialien berücksichtigt. Diese Lebenswegbetrachtung wird aus den Entwicklungs-, Produktions-, Nutzungs- und Entsorgungsphasen gespeist. Im Modul Recycling wird bei jedem betrachteten Material der bestbewertetste Entsorgungsweg aufgezeigt. Hier stehen beispielsweise biologische Verfahren, Deponierung oder werkstoffliches Recycling, aber auch die energetische Verwertung zur Auswahl. Im Modul Kosten kann man neben dem Forschungs- und Entwicklungsaufwand auch die Chancen und Risiken einer Materiallösung am Markt abschätzen. Hier sind u. a. Sachverhalte wie das Image eines Materials von Bedeutung, das sich aus seiner Umwelt- und Recyclingeigenschaft herleiten lässt. Aber auch der Personalstundensatz sowie die Investitionskosten in Maschinen und Werkzeuge sowie die Kosten des Produktnutzers (Kunde) fließen in die Bewertung ein.

Um die Anwendbarkeit der euroMat-Methode zu testen, wurde damit bereits die Materialauswahl für mehrere Bauteile durchgeführt. Darunter beispielsweise ein Trinkwassertank für den Airbus A320 von der MAN Technologie AG oder die Innenverkleidung einer Fahrertür in einem Leichtbau-LKW von Mercedes-Benz. Dazu zählt auch ein Trägermodul im Vorderwagenbereich für die neue Serie des Ford Mondeos. "Ein Unternehmen", so Projektleiter Prof. Dr. Günter Fleischer, "dass euroMat nutzt, kann ganz klare Wettbewerbsvorteile erwarten." Neue, unkonventionelle Lösungen, weniger Fehlentwicklungen, bessere technische Eigenschaften und eine bessere Ökobilanz - das sind die Vorteile des neuen Vorgehens, das insbesondere den deutschen Unternehmen helfen soll, im internationalen Wettbewerb zu bestehen.

Stefanie Terp

Datenbank

Ansprechpartner: Prof. Dr.-Ing. Günter Fleischer, Dipl.-Ing. Kerstin Lichtenvort, TU Berlin, Institut für Technischen Umweltschutz, Fachgebiet Abfallvermeidung
Projekt: Entwicklung des Ecodesign-Instruments euroMat (entwicklungsbegleitendes Instrument für umwelt- und recyclingorientierte Materiallösungen)
Kontakt: Straße des 17. Juni 135, 10623 Berlin, Telefon: (030) 314-24341, Telefax: (030) 314-21720, E-Mail: info@euroMat-online.de, Internet: www.euromat-online.de
Finanzung: Bundesministerium für Bildung und Forschung

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