Forschung Aktuell

 Wissenschaftsdienst
Jg. 2, Nr. 2, Mai 2001

TU Berlin Wissenschaftsdienst der TU Berlin
Ausgabe Jg. 2 / Nr. 2 / Mai 2001

Sicherheitskriterien für Fahrzeuge
Der Kleine muss dem Großen gewachsen sein

Der beste Schutz im Straßenverkehr ist die Entwicklung kompatibler Fahrzeugstrukturen - also eine Angleichung bei Gewichten, Abmessungen und Bauweisen der vierrädrigen Gefährten. Der Trend geht jedoch genau in die entgegengesetzte Richtung: Inkompatibilitäten zwischen den Autoklassen nehmen zu - verschärft durch die Einführung des Drei-Liter-Autos. Im Rahmen des Projekts "Compatibility" haben Wissenschaftler der TU Berlin nach neuen Sicherheitskriterien und -standards für eine Fahrzeug-Kompatibilität gesucht.

Ende der 60er Jahre hatte die passive Sicherheit von Personenkraftwagen für die Fahrzeughersteller erste Priorität, allerdings "nur" als Selbstschutz der Fahrzeuginsassen. Zwar steigern heute unsymmetrisch lokal einwirkende Barrieren bei Unfallgeschehen mit hohen Aufprallgeschwindigkeiten den Selbstschutz der Fahrzeuge, sie stimulieren aber auch die Aggressivität gegenüber schwächeren Kollisionsgegnern.

Eine "ganzheitliche Sicherheitsauslegung" muss daher das Ziel sein. Im Hinblick auf Kollisionen mit festen Hindernissen und anderen Fahrzeugen stellt sie den besten Kompromiss zwischen maximalem Selbstschutz und minimaler Aggressivität dar. Eine Forderung, die von der wissenschaftlichen Forschung schon seit drei Jahrzehnten erhoben wird.

Der Trend zu größeren Unterschieden in Masse, Bauweise und Abmessungen der Personenwagen verstärkt jedoch die Sicherheitsprobleme: Bei Kollisionen zwischen ungleich schweren Personenwagen sind die Insassen des leichteren Wagens vor allem wegen der größeren Karosseriedeformationen bis hin zum Zusammenbruch der Fahrgastzelle stärker gefährdet als die Insassen des schwereren Wagens. Bei Kollisionen mit Off-Road-Fahrzeugen kann es sogar zum "Überfahren" des kleineren Fahrzeugs kommen. Deshalb verschärfe das Drei-Liter-Auto, das meist ein geringeres Gewicht und kompakte Abmessungen hat, diese Problematik noch, ergänzt Prof. Dr.-Ing. Hermann Appel. Er leitet das Forschungsvorhaben "Compatibility - Entwicklung von Sicherheitskriterien und -standards für Fahrzeug-Kompatibilität" am Institut für Straßen- und Schienenverkehr der TU Berlin.

In Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern Peugeot Citroen, DaimlerChrysler, Rover, Adam Opel, Ford und Volkswagen innerhalb des EU-Projektes haben die Berliner Wissenschaftler die Kompatibilität im Straßenverkehr genauer untersucht. Dafür wurden Crash-Tests zwischen Fahrzeugen verschiedener Hersteller und Massenklassen durchgeführt, um so die Interaktion von Fahrzeugstrukturen beim Unfall zu untersuchen. Der Beitrag der TU Berlin bestand in Unfallanalysen und rechnergestützten Simulationen. Während der vierjährigen Projektlaufzeit entfielen auf die TU Berlin zirka 400.000 DM als eingeworbene Drittmittel.

Festgestellt wurde, dass die kompatible Fahrzeugauslegung ein jährliches Rettungspotenzial von etwa 190 Menschenleben allein in Deutschland hat, denn die PKW-PKW-Kollision steht bei Verletzten an erster, bei Getöteten bereits an zweiter Stelle. Das Potenzial einer durchgängig kompatiblen Frontgestaltung von Personenwagen wird für die EU auf eine mögliche Rettung von jährlich etwa 675 Menschen geschätzt.

"Die Unterschiede bei Gewichten, Abmessungen und Bauweisen unserer PKW sind leider aus dem Blickwinkel der Sicherheit als gegeben hinzunehmen. Dennoch bleiben als Ergebnisse des Projektes mehrere Maßnahmen zur Milderung des Problems der Inkompatibilität", beschreibt der TU-Professor. Dazu gehört zum Beispiel die Angleichung von Stossfänger- und Schwellerhöhen im Hinblick auf die Seitenkollision. Außerdem die Angleichung der Steifigkeiten des Vorderwagens, damit es bei der Kollision nicht zu einer einseitigen, sondern einer beidseitigen Energieaufnahme mit verteilten Deformationen kommt. Das kleine Fahrzeug muss in der Frontstruktur sogar steifer sein als das große, damit es dieses in die Deformation zwingt. Und schließlich eine noch steifere Fahrgastzelle, damit der mögliche Aufprall nicht zu "Intrusionen" oder gar zum Zusammenbruch der Zelle führt. Im Ergebnis fordern die TU-Wissenschaftler eine kompatible Fahrzeugauslegung großer wie kleiner Wagen und international abgestimmte Maßnahmen von Fahrzeugherstellern sowie Gesetzgebern.

Alexander Remler

Datenbank

Ansprechpartner: Prof. Dr.-Ing. Hermann Appel, Technische Universität, Institut für Straßen- und Schienenverkehr
Fachgebiet: Kraftfahrtzeuge
Forschungsprojekt: Compatibility - Entwicklung von Sicherheitskriterien und -standards für Fahrzeug-Kompatibilität
Kontakt: Straße des 17. Juni 135, 10623 Berlin, Tel.: 030/314-72970, E-Mail: appel@kfz.tu-berlin.de

Download des Textes als .rtf-Datei