Forschung Aktuell

 Wissenschaftsdienst
Jg. 5, Nr. 1, Feb. 2004

TU Berlin Wissenschaftsdienst der TU Berlin
Ausgabe Jg. 5 / Nr. 1 / Februar 2004

Landschaftsarchitektur
Lustwandeln trockenen Fußes
Die Geschichte des Wege- und Wasseranlagenbaus in deutschen Gärten und Parks

Der große Meister des Landschaftsgartens, Hermann Fürst von Pückler-Muskau, beschrieb in seinem Werk "Andeutungen über Landschaftsgärtnerei" von 1834 präzise, wie Gartenwege anzulegen und zu bauen sind. Sie seien "so zu führen, dass sie auf die besten Aussichtspuncte ungezwungen leiten", "die übersehbaren Flächen, durch die sie führen, nur in malerischen Formen abschneiden", und sie müssten "technisch gut gemacht werden, immer hart, eben und trocken" sein. Doch Buchweisheiten sind das eine, die Praxis ist das andere.

Schloss Charlottenburg in Berlin
Schloss Charlottenburg in Berlin

Foto: TU Berlin/Forner

Abdruck honorarfrei. Beleg erbeten
In einem dreijährigen, nun abgeschlossenen DFG-Forschungsvorhaben "Historische Bauforschung und Materialverwendung im Garten- und Landschaftsbau" untersuchten Prof. Dipl.-Ing. Heinz W. Hallmann und Dr.-Ing. Jörg-Ulrich Forner vom Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung an der TU Berlin deshalb, ob die namhaften Gartenkünstler auch so gebaut, wie sie es niedergeschrieben hatten. Es sei vorweggenommen, dass Pückler-Muskau in beeindruckender Weise den Landschaftsgarten in Branitz und den Park in Potsdam-Babelsberg so ausführte, wie er sie erdacht hatte. Nicht jedem Gartenbaukünstler war das vergönnt. 

"Die Forschungsergebnisse dienen der angewandten Gartendenkmalpflege bei der Sanierung, Rekonstruktion und zukünftigen Pflege der Garten- und Parkanlagen", sagt Dr. Jörg-Ulrich Forner. "Mit diesem Wissen kann eine präzise Analyse und Bewertung der vorgefundenen Bausubstanz durchgeführt werden, was erhaltenswert ist, weil original so gebaut, und welche baukonstruktiven Teile der Anlagen neuzeitlich, also später, angefügt wurden." 

Der Ehrenhof am Schloss Charlottenburg
Der Ehrenhof am Eingang zum Hauptgebäude des Schlosses Charlottenburg in Berlin ist mit historischen und modernen (nachgebildeten) Klinkern gepflastert. Kunststeine waren im 18. Jahrhundert und im frühen 19. Jahrhundert keine Massenware und ein kostbares Material. Klinker fanden erst später und durch die jungen Gartenarchitekten des 20. Jahrhunderts vermehrten Einsatz, zunächst als Wegeeinfassung, später als Oberflächenbelag.

Foto: TU Berlin/Forner
Abdruck honorarfrei. Beleg erbeten.

Nun obliegt es den Verantwortlichen für Gartendenkmalpflege, anhand dieser Forschungsergebnisse zu entscheiden, wie Parks und Gärten künftig rekonstruiert und saniert werden sollen.

Hallmann und Forner konzentrierten sich in ihrem Forschungsprojekt auf die Untersuchung des Baus von Wegen und Wasseranlagen in Gärten und Parks. Der Untersuchungszeitraum erstreckte sich auf 140 Jahre von 1800 bis 1940. Für den Vergleich werteten sie über 250 Quellen aus (Lehr- und Handbücher sowie Fachzeitschriften) und untersuchten deutschlandweit 21 Wegebauten und Wasseranlagen in denkmalgeschützten Garten- und Parkanlagen, u.a. im Branitzer Park, auf der Pfaueninsel Berlin, im Großen Garten in Dresden, im Schlossgarten in Schwetzingen und im Schlosspark Wilhelmshöhe in Kassel. Bis Mitte der 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts gab es in Deutschland keine Forschung zur originalen Material- und Baustoffverwendung im Garten- und Landschaftsbau. Erste Anfänge dazu unternahm Professor Hallmann Ende der 1980er Jahre an der TU Berlin. 

Der Große Garten in Dresden
Der Große Garten in Dresden

Foto: TU Berlin/Forner
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Anhand des Quellenstudiums sowie von Bauaufnahmen und gartenhistorischen Grabungen wurde es möglich, die historische Entwicklung des Wege- und Wasseranlagenbaus zu rekonstruieren. Erstmals gelingt den TU-Wissenschaftlern zum Beispiel der Nachweis, dass bereits 1864/65 bekannt war, wie Wasserbecken mit Zementmörtel und ‚Betonfertigteilen' zu bauen sind. Sie stellen fest, dass "die Bauweisen der in Gärten und Parks integrierten Wasseranlagen ihre Anregungen und Impulse teilweise aus dem landwirtschaftlich-ökonomisch erforschten Bereich des Wasserbaus" bezogen und technologische Entwicklungen im Straßenbau bei der Anlage von Fahrwegen in Gärten und Parks adaptiert wurden. Die Gartenkunst selbst beeinflusste ingenieurmäßiges Bauen. Entwickelte Entwässerungssysteme, um die Damen nach Regengüssen auf den Parkwegen trockenen Fußes lustwandeln zu lassen, fanden ihre modifizierte Anwendung auch im Straßenbau. Noch 1895 hatte der Gartenarchitekt W. Hampel geklagt: "Mir sind viele Gärten bekannt, die im allgemeinen recht hübsch sind, die man aber nur bei trockenem Wetter betreten kann (…). Wie unangenehm ist es, wenn die Dame des Hauses den Garten nach einem Regen nicht betreten kann, und welcher Schmutz wird nicht durch schlechte Wege nach der Wohnung gebracht, oder wenn der Kies oder Sand so stark geschüttet ist, daß man förmlich darin watet …" 

Der technische Fortschritt wandelte zudem das Berufsbild. Das bis weit ins 19. Jahrhundert hinein vorherrschende Selbstverständnis des Gartenkünstlers, allein der Umsetzung ästhetischer Ideale verpflichtet zu sein, wich, zumindest bei den großen Gartenbaumeistern, zunehmend dem Anspruch und der Einsicht, die Gartenkunst mit den "funktionalen und technisch-konstruktiven Notwendigkeiten" zu verknüpfen. Kunst und Technik wurden im Gartenbau nicht mehr länger als Widerspruch begriffen.

Sybille Nitsche

Datenbank

Ansprechpartner: Prof. Dipl.-Ing. Heinz W. Hallmann, Fachgebiet: Landschaftsbau, Objektbau, Freiraumgestaltung, Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung, TU Berlin und Dr.-Ing. Jörg-Ulrich Forner
Kontakt: Prof. Dipl.-Ing. Heinz W. Hallmann: Tel.: 030/314-28189, Sekretariat: 030/314-28191, E-Mail: EB6@TU-Berlin.de, Straße des 17. Juni 145, EB 6, 10623 Berlin
Dr.-Ing. Jörg-Ulrich Forner: Tel.: 030/79782677, E-Mail: Forner@gartenpatina.de  
DFG-Forschungsprojekt: "Historische Bauforschung und Materialverwendung im Garten- und Landschaftsbau"

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