Forschung Aktuell

 Wissenschaftsdienst
Jg. 5, Nr. 1, Feb. 2004

TU Berlin Wissenschaftsdienst der TU Berlin
Ausgabe Jg. 5 / Nr. 1 / Februar 2004

Technikgeschichte
Luxus fürs Volk
Konsum und Konsumpolitik im Dritten Reich

Der Volksempfänger ist jedem ein Begriff, wurde das Gerät doch zum Symbol für die politische Indoktrination im Dritten Reich schlechthin. Aber der Volksempfänger ist nur eins von etwa 20 bis 25 so genannten Volksprodukten. Prof. Dr. Wolfgang König vom Institut für Philosophie, Wissenschaftstheorie, Wissenschafts- und Technikgeschichte an der TU Berlin hat erstmals in einem von der Fritz Thyssen-Stiftung geförderten Forschungsprojekt die nationalsozialistischen "Volksprodukte" zusammenhängend dargestellt und "Konsum, Konsumpolitik und Konsumpropaganda im Dritten Reich" untersucht. In diesem Jahr erscheinen seine Forschungsergebnisse als Buch im Schöningh-Verlag. 

Volksempfänger
Werbeplakat für den Volksempfänger aus dem Jahre 1933.

Foto: Deutsches Rundfunkmuseum
Zwischen 1933 und 1939 ist nicht nur vom Volksempfänger und Volkswagen die Rede, es geistern Ideen von einem Volkskühlschrank, einem Volksklavier, einem Volksmotorboot, einem Volksplattenspieler und einem Volkskofferradio umher. Gleichwohl sind Volksprodukte keine Erfindung Hitlers und seines Propagandaministeriums. Sie sind "lange vor der nationalsozialistischen Zeit präsent", schreibt Professor Wolfgang König. "Darin spiegelten sich Konsumwünsche und Konsumhoffnungen der Bevölkerung ... Die Wirtschaft, die solche Volksprodukte bewarb, sah vor allem einen großen Massenmarkt und die daraus zu ziehenden Gewinne." Der Begriff implizierte, dass die Ware preiswert und für jedermann erschwinglich ist. 

Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 wurden Volksprodukte jedoch durch die nationalsozialistische Propaganda zusätzlich ideologisch aufgebläht. Der Kauf eines Volksempfängers war nun nicht mehr nur reiner Konsum. "Die Volksprodukte bekamen eine Doppelfunktion", sagt Professor Wolfgang König, "einerseits repräsentieren sie Planungen und Visionen einer spezifisch nationalsozialistischen Konsum- und Freizeitgesellschaft, andererseits standen sie im Dienst der nationalsozialistischen Ideologie, waren Elemente der Propaganda, mit denen die Nationalsozialisten der Bevölkerung eine spätere Wohlstandsgesellschaft versprachen, um ihr den tatsächlichen Konsumverzicht zu Gunsten der Aufrüstung akzeptabel zu machen." 1939 erklärte Hitler "‚ausreichenden eigenen Wirtschaftsraum' zur Voraussetzung für das Volkswagenprojekt". Das Versprechen künftigen Wohlstands, "der sich im Besitz solcher gehobenen Güter wie eines Volkswagens oder Volkskühlschranks widerspiegeln sollte, zielte aber auch auf die Formung einer Volksgemeinschaft ab, auf ein harmonisches Miteinander rassisch Gleichartiger, die bereit waren die nationalsozialistische Expansions- und Lebensraumpolitik zu unterstützen", sagt Professor König. "Juden nämlich durften den Volksempfänger nicht kaufen."

Das Programm der Volksprodukte, hinter dem Robert Leys Deutsche Arbeitsfront sowie Joseph Goebbels Propagandaministerium standen, war, so Wolfgang König, aber nicht nur Propaganda, sondern auch Politik. Zur Vorstellung der Nationalsozialisten von einer rassisch einzigartigen und überlegenen arischen Volksgemeinschaft gehörte auch die von einem hohen Kultur- und damit auch Konsumniveau. Der Konsum von Luxusgütern galt als "entscheidende Grundlage der völkischen Lebenskraft" und war ein Merkmal des erdachten nationalsozialistischen Menschenbildes. Massenkonsum sei Ziel nationalsozialistischer Politik gewesen.

Professor Wolfgang König kommt zu dem Ergebnis, dass die Versorgung der Bevölkerung mit gehobenen Konsumgütern und Dienstleistungen nicht umgesetzt werden konnte. In Serie wurde nur der Volksempfänger gebaut, Volkswagen und Volkskühlschrank schafften es nur bis zu Prototypen und bei den anderen Produkten blieb es bei der Idee. 

"Die Volksprodukte scheiterten, weil die soziökonomischen Voraussetzungen für ihre Herstellung und Verbreitung nicht gegeben waren", so das Fazit von Professor Wolfgang König. "Für die zum Erwerb notwendige Kaufkraft fielen Lohnerhöhungen aus, weil sie die politisch priorisierte Aufrüstung erschwert hätten. Stattdessen sollten niedrige Preise die Volksprodukte zugänglich machen." Zu diesen Preisen konnte die Wirtschaft die Produkte aber nicht herstellen. Am Beispiel des Volkswagens illustriert König den Konflikt: "Bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 160 Reichsmark musste mit 70 Reichsmark für Versicherung, Benzin und Reparaturkosten beim Volkswagen gerechnet werden. Der Anschaffungspreis von 990 Reichsmark für den Volkswagen war ein politischer Preis, zu dem, wie gesagt, die Industrie nicht in der Lage war, das Auto zu produzieren." 

In diesem Zusammenwirken von Politik, Ideologie und Wirtschaft interpretiert Wolfgang König die Volksprodukte als ein Phänomen, in dem sich "propagandistischer Fremd- und illusionistischer Selbstbetrug verbanden". 

Das "Scheitern rührt daher", schreibt König, "weil sich Autarkie, Aufrüstung und Expansion als vorrangige Politikziele und eine massive staatliche Konsumförderung nicht gleichzeitig verfolgen ließen." 

Sybille Nitsche

Datenbank

Ansprechpartner: Prof. Dr. Wolfgang König, Institut für Philosophie, Wissenschaftstheorie, Wissenschafts- und Technikgeschichte, TU Berlin 
Kontakt: Tel.: 030/314-24844, -24068, Fax: 030/314-25962, E-Mail: wolfgang.koenig@tu-berlin.de, Ernst-Reuter-Platz 7, 10587 Berlin
Forschungsprojekt: Nationalsozialistische Volksprodukte. Konsum, Konsumpolitik und Konsumpropa-ganda im Dritten Reich, gefördert von der Fritz Thyssen-Stiftung 

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