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 Wissenschaftsdienst
Jg. 5, Nr. 2, Juni 2004

TU Berlin Wissenschaftsdienst der TU Berlin
Ausgabe Jg. 5 / Nr. 2 / Juni 2004

Geschichte
"Vom König zum Führer"

In der Buchreihe der TU Berlin "Elitenwandel in der Moderne" beschäftigt sich ein weiterer Band mit dem deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat.

Über "den" Adel und das Ende seines politischen Einflusses ist in der Fachliteratur viel behauptet jedoch wenig gearbeitet worden. Das Buch von Stephan Malinowski legt die erste systematische, empirisch ebenso breit wie solide abgestützte Untersuchung über die wichtigsten Adelsfraktionen, ihre Beziehungen zum Bürgertum, ihre kulturelle Selbstdefinition, ihren sozialen Niedergang, ihre Ablösung vom Konservativismus und ihr komplexes Verhältnis zum Nationalsozialismus vor. 

Liest man beim Adel nach, findet sich Erstaunliches: während einer Reichstagsdebatte packt ein adliger Gutsbesitzer den Abgeordneten Joseph Goebbels am Nacken und drückt ihn wie einen vorlauten Schulbuben in seine Holzbank zurück. Ein Graf, den die Nationalsozialisten nach 1933 zwingen, sein Gut zeitgemäß zu beflaggen, lässt eine hohe Tanne fällen, bringt an deren Ende eine winzige Hakenkreuzfahne an und lässt die Konstruktion in der Mitte des Schweinestalls aufstellen. Die scheinbar unüberwindliche Distanz zur NS-Bewegung, die nach 1945 der Adel und mit ihm die politische Familie des Konservativismus für sich in Anspruch genommen haben, kulminiert nach dieser Darstellung am 20. Juli 1944 im Aufstand "der Besten".

Neben dieser heroisierenden Lesart gibt es eine légende noire über den deutschen, insbesondere den preußischen Adel, dessen überdimensionaler Einfluss ein zentrales Element der These eines deutschen "Sonderwegs" war, der durch zwei Weltkriege und den Holocaust in die Verheerung des Kontinents geführt habe. 

Auf einer ungewöhnlich breiten Quellengrundlage liefert das Buch des TU-Absolventen Stephan Malinowski die erste empirische Überprüfung dieser beiden Legendenstränge, welche die Forschung über den Nationalsozialismus jahrzehntelang beschäftigt haben, ohne jemals systematisch verfolgt worden zu sein. Die Studie geht über eine Adelsgeschichte weit hinaus - die Diskussion, warum der deutsche Konservativismus im Jahre 1933 eine Alternative zu Hitler kaum mehr bieten konnte, wird durch die hier präsentierten Ergebnisse theoretisch und empirisch mit bislang unbeachteten Elementen beliefert. 
Das Buch von Stephan Malinowski "Vom König zum Führer. Sozialer Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat“ ist Teil der Buchreihe "Elitenwandel in der Moderne" der TU Berlin. Herausgegeben wird die Reihe, welche die Adelsforschung auf ein neues empirisches Fundament stellt und die historische Elitenforschung um wichtige Diskussionsanstöße erweitert, von Prof. Dr. Heinz Reif vom Institut für Geschichte und Kunstgeschichte der TU Berlin. 

Das Buch, das wenige Monate nach seinem Erscheinen bereits in der dritten Auflage vorlag und im August 2004 im Fischer-Verlag als Taschenbuch erscheint, beruht auf Malinowskis Dissertation an der TU Berlin. Die von Prof. Dr. Heinz Reif betreute Arbeit wurde im Januar mit dem mit 5000 Euro dotierten Hans-Rosenberg-Preis ausgezeichnet.

Luise Gunga

Datenbank

Ansprechpartner: Dr. Stephan Malinowski
Kontakt: Friedrich Meinecke Institut, FU Berlin, Koserstrasse 20, 14195 Berlin, Tel. 030/838 56 822, E-Mail: stephan.malinowski@tu-berlin.de 
DFG-Forschungsprojekt: Buchreihe "Elitenwandel in der Moderne", Hrsg. Prof. Dr. Heinz Reif, Institut für Geschichte und Kunstgeschichte der TU Berlin, Leiter der Arbeitsstelle für europäische Stadtgeschichte, Tel.: 030/314-26982, Fax: 030/314-79438, E-Mail: reif@stadtgeschichte.tu-berlin.de 

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