TU intern - Februar/März 2000 - Forschung

Schwarzarbeit hat Konjunktur

Zusammenhänge zwischen Migration und Arbeitsmarkt

Geringe Chancen auf einen sozialversicherungs-
pflichtigen Arbeitsplatz und ein gut funktionierender "Schwarz-
arbeitsmarkt" führen immer mehr Ausländer, aber auch Deutsche, in die Illegalität
Die Schwarzarbeit boomt. Im vergangenen Jahr sollen Schwarzarbeiter in Deutschland rund 600 Milliarden Mark erwirtschaftet haben, für dieses Jahr rechnen Experten mit einem Anstieg um 6,8 Prozent. Die Konjunktur auf dem "schwarzen" Arbeitsmarkt ist eine in vielen europäischen Ländern zu beobachtende Entwicklung seit Beginn der 1990er Jahre, wie das EU-Forschungsprojekt "Migrant Insertion in the Informal Economy" (MIGRINF) zeigt. In welchem Zusammenhang Zuwanderung, Migration und informeller Arbeitsmarkt (Schwarzarbeit) in Deutschland stehen, untersuchte im Rahmen des MIGRINF-Projektes Dr. Czarina Wilpert vom Institut für Sozialwissenschaften der TU Berlin.

Im europäischen Vergleich ist Deutschland das Land mit dem höchsten Anteil von legalen Zuwanderungen. Zugleich aber steigt die Zahl der Ausländer, die sich in Deutschland illegal aufhalten und schwarz arbeiten. Wie ist das zu erklären? Die weit verbreitete These, die Schwarzarbeit wachse allein, weil die Zahl der illegalen Zuwanderung aus dem Ausland steige, lässt sich nicht aufrecht erhalten. Vielmehr konnte festgestellt werden, dass die steigende Zahl der Ausländer mit illegalem Aufenthaltsstatus nicht auf illegale Grenzüberschreitungen zurückzuführen ist, sondern im Anschluss an einen legalen Aufenthalt zustande kommt.

INFORMALISIERUNG VON ARBEIT

Obwohl Deutschland sich nach offizieller Sprachregelung nicht als Einwanderungsland versteht, wurden temporäre, bedingte oder zeitlich begrenzte Migration seit Anfang der 1990er Jahre zugelassen. Vertragliche Regelungen zwischen Deutschland und den osteuropäischen Ländern beispielsweise erlaubten die Einführung von Subunternehmertum, Saisonarbeitsverträgen und die Beschäftigung von Grenzgängern. Die Maßnahmen haben dazu beigetragen, dass Arbeit informalisiert, d. h. dem staatlichen Zugriff entzogen, wurde, indem für Migranten Schlupflöcher im Tarifsystem, bei der Sozialversicherung und im Steuerrecht geschaffen wurden.

Die in diesem Zusammenhang erfolgte Zuwanderung kann nicht allein als Ergebnis eines unspezifischen Migrationsdrucks gesehen werden. Statt dessen zeigt sich, dass Zuwanderung hier zunächst von Seiten des Staates für einen begrenzten Zeitraum eingeleitet und zugelassen worden ist, im Anschluss aber in einen illegalen Aufenthalt mündet.

Darüber hinaus kommt die Mehrheit der Menschen, die nach Deutschland illegal einreisen, aus Gebieten mit einer langen Tradition der Zuwanderung nach Deutschland, nämlich aus der Türkei, Polen und den Ländern des ehemaligen Jugoslawien, des Weiteren aus Krisengebieten. Diese Zuwanderer haben häufig familiäre Verbindungen nach Deutschland und streben, wenn sie aus ökonomischen und weniger aus politischen Gründen kommen, in erster Linie einen temporären Aufenthalt an, um die wirtschaftliche und soziale Situation in ihrer Heimat zu sichern. Viele Zuwanderer aus Polen etwa hegen den Wunsch, "in Deutschland zu arbeiten und in Polen zu leben".

Welche Auswirkungen hat die neue Zuwanderung auf die Zunahme von Arbeitslosigkeit und Schwarzarbeit? Die strukturellen Veränderungen auf dem bundesdeutschen Arbeitsmarkt fanden schon in der 80er Jahren statt, bevor die neue Zuwanderung sich bemerkbar gemacht hat. Der Mangel an Fach- und auch Aushilfsarbeitern, der in den 70er Jahren die Suche nach Gastarbeitern in Gang gesetzt hatte, ist inzwischen durch massive Stellenkürzungen kompensiert worden. Darüber hinaus hat sich der Arbeitsmarkt in hochqualifizierte Arbeit auf der einen und Aushilfsjobs im Service-Bereich auf der anderen Seite segmentiert.

ZUWANDERUNG - SCHWARZARBEIT

Eine Teiluntersuchung über die Arbeitsmarktchancen des Nachwuchses von Arbeitsmigranten mit legalem Status hat diesen Trend bestätigt. Bei Jugendlichen ohne Schulabschluss, aber auch bei jenen, die ausschließlich einen Hauptschulabschluss erlangen konnten, sind die Chancen auf einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz gleich Null. Im Gegenteil, alle wissen von Möglichkeiten, auch "schwarz" zu arbeiten - auch "die Deutschen". Diese Beobachtung ist auch die Schlussfolgerung aus den Länderstudien in Italien und Portugal. Dort wo ein gut funktionierender "Schwarzarbeitsmarkt" existiert, kann er auch eine Sogwirkung auf Ausländer ausüben.

Im Gegensatz zur Bundesrepublik haben die anderen an der Studie beteiligten Länder (Frankreich, Italien, Portugal und Spanien) seit Mitte der 80er Jahre zwei bis drei Legalisierungen von Ausländern ohne Aufenthaltsstatus durchgeführt. Dadurch, dass diese zwischen 1996 und 1997 in Kraft getreten sind, hatten die Forscher dort einen leichteren Zugang für ihre Untersuchungen über illegalen Aufenthalt und "Schwarzarbeit", denn sie konnten die "legalisierten" Menschen systematisch befragen.

Czarina Wilpert


© 2-3/2000 TU-Pressestelle