"Zum ersten Mal hatte ich die Aufgabe, meinen zukünftigen Beruf nicht nur theoretisch abzuhandeln, sondern ihn auch zu praktizieren. Diesmal war mir klar geworden, daß ich nun voll und ganz in die Rolle des Lehreres zu schlüpfen hatte." Diese Aussage eines Lehramtsstudenten drückt seine Hoffnungen und Ängste vor der Lehrerrolle und der Arbeit mit Schüler/innen aus. Sie ist durchaus symptomatisch für Lehramtsstudent/innen in den Anfangssemestern. Um diesen Ängsten zu begegnen und praxisnahe Erfahrung zu sammeln, führten die Studierenden eines Seminars des Instituts für Fachdidaktik Geschichte und Sozialwissenschaften eine Projektwoche mit Berliner Schülerinnen und Schülern durch.
Die Projektwoche mit dem Titel "Die Synagoge in der Münchner Straße - Jugendliche auf der Suche nach Geschichte" fand im vergangenen November im Schöneberg-Museum statt. Ihr Thema: Jugendliche sollten die Geschichte des jüdischen Gotteshauses an der Münchner Straße erforschen. Von seiten der TU nahmen zwölf Studierende und ihre Seminarleiterin Bettina Alavi teil. Hinzu kamen 26 Schülerinnen und Schüler der Klasse 10c der Georg-von Giesche-Realschule in Berlin-Schöneberg, ihre Geschichtslehrerin sowie der Museumspädagoge des Schöneberg-Museums und zwei dort beschäftigte ABM-Kräfte.
In drei Gruppen versuchten die Schüler/innen während der Projektwoche zu klären, was unter diesem "Funktionsverlust" zu verstehen sei. Die erste Gruppe arbeitete als Archivgruppe. Sie sammelte und verwertete Materialien über die Geschichte der Synagoge aus verschiedenen Archiven wie Landesarchiv, Schöneberg-Archiv oder Centrum Judaicum. An den Wänden des Museums entstand abschließend eine kleine Ausstellung mit den Ergebnissen der Gruppe.
Die Aufgabe der TU-Student/innen war es, die drei Schülergruppen bei ihrer Arbeit zu begleiten und anzuleiten sowie - wenn nötig - Hilfestellung zu geben. Auf dieses Vor-Ort-Projekt mit seinen offenen, entdeckenden Lernformen waren die Student/innen in einem vorausgehenden, einsemestrigen Grundkurs theoretisch vorbereitet worden. Nach jedem Projekttag gab es Nachbesprechungen, in denen die Studierenden die aufgetretenen Probleme diskutierten. Häufig ging es dabei um die Definition der eigenen Lehrerrolle, Schwierigkeiten bei der konkreten Formulierung von Arbeitsaufträgen für die Schüler/innen oder Unsicherheiten im Umgang mit ihnen. Auch die konstruktive Kritik an der Konzeption der Projektwoche gehörte zu den Diskussionsthemen.
Durch die tägliche Begegnung der Seminarteilnehmer entwickelte sich außerdem ein völlig anderes Klima als in allen vergleichbaren Veranstaltungen, was die Student/innen nach eigenen Angaben mehr motivierte. So trug die Projektwoche auch dazu bei, der Vorstellung von der Universität als anonymer Treffpunkt mehr oder minder motivierter Einzelkämpfer entgegenzusteuerern.
Die Ton-Dia-Reihe ist zur Zeit noch in Arbeit. Sie wird aber im Sommersemester 1995 am Fachbereich Erziehungswissenschaften gezeigt werden.
Bettina Alavi / Institut für Fachdidaktik Geschichte und Sozialwissenschaften
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