MEDIEN

Texte im Fenster interpretieren

Eine Software für die Arbeit mit "weichen" Daten

Textverarbeitungsprogramme gibt es viele, Computerprogramme, die beim Interpretieren von Texten helfen, dagegen kaum. Kein Wunder, denn die meisten Menschen schreiben an ihrem Rechner Briefe, Berichte und Notizen. Im Vergleich dazu gibt es nur wenige Menschen, die sich mit der systematischen Deutung von Texten befassen. Für sie gibt es das Computerprogramm "ATLAS/ti", eine Software, mit der man die häufig unübersichtliche Papierarbeit bei der Interpretation von Texten in den Griff bekommen kann. ATLAS/ti, das an der TU Berlin entwickelt wurde, ist jetzt als Version für Windows-PCs weiterentwickelt worden. Neben Texten kann man nun auch Bilder in die Interpretationsarbeit einbeziehen.

Eine prototypische Version von ATLAS/ti wurde zwischen 1989 und 1992 an der TU Berlin entwickelt. In dem interdisziplinären Forschungsprojekt "Archiv für Technik, Lebenswelt und Alltagssprache" (ATLAS) entstand damals ein erstes Programm, das bei der Interpretation von Interviews helfen sollten. Texte einlesen und dann eine fertige Interpretation ausgeben, war allerdings nie das Ziel. ATLAS/ti sollte vielmehr den Geistes- und Sozialwissenschaftlern helfen, die häufig unübersichtliche Papierarbeit in den Griff zu bekommen. Denn bei der traditionellen Interpretationsarbeit mit Papier, Stift und Schere blieb die Übersicht über Notizen, Randbemerkungen und spontanen Deutungen meist auf der Strecke.

Schuld daran waren die "qualitativen" Daten, mit denen die ATLAS-Wissenschaftler zu tun hatten. Quantitative Daten, wie sie als Zahlenwerte in Tabellen oder Diagrammen dargestellt werden, können vergleichsweise einfach berechnet werden; Statistikprogramme, die die entsprechenden Formeln beherrschen, gab es bereits. Qualitative Daten dagegen liegen unstrukturiert und nicht als Zahlenwerte, sondern als Textaussagen vor. "Hierzu gehören vor allem frei strukturierte Texte, sowie Bild- und Tonmaterial", erläutert Thomas Muhr, "Klassische Anwendungen sind die Analyse von Interviewtranskripten unter Verwendung qualitativer Verfahren wie etwa der 'Grounded Theory' oder der Argumentationsanalyse."

ATLAS/ti zeigt Texte wie in einem Schreibprogramm auf dem Bildschirm an. Der Unterschied zur reinen Textverarbeitung: Bearbeiter können Passagen in zahlreichen Arten markieren, Notizen dazuschreiben und sich ganze "Netze" von Begriffen aufbauen, mit denen sie ihre Deutung beschreiben.

Auch über das Projekt hinaus stieß das Programm auf Zuspruch. Nach dem Ende des Projekts 1992 widmete sich der ehenmalige ATLAS-Mitarbeiter Thomas Muhr, der sowohl Diplom-Psychologe als auch Diplom-Informatiker ist, weiterhin dem Programm und entwickelte eine erste kommerzielle Version für das Betriebssystem MS-DOS. Heute ist es weltweit im Einsatz. "Das sind insgesamt mehr als tausend Nutzer, die hauptsächlich an Hochschulen und Forschungseinrichtungen tätig sind", schätzt Muhr.

Geeignet ist die Software nicht nur für die psychologischen Einsatzgebiete, die im ATLAS-Projekt dominierten, erklärt Thomas Muhr: "ATLAS/ti wendet sich uner anderem an Psychologen, Theologen, Soziologen, Erziehungswissenschaftler, Kriminologen, Marktforschungsinstitute und Wissensingenieure. Kurz: An alle die mit 'weichen' Daten präzise arbeiten müssen."

Die neue Version, die in diesen Tagen herauskommt, zeichnet sich durch die Einbeziehung multimedialer Daten, wie Bilder und Töne, aus. "Damit wird dieses Werkzeug auch für andere Berufsgruppen interessant", betont Thomas Muhr: "Beispielsweise Mediziner bei der Auswertung und Diagnostik von Röntgenaufnahmen, Meteorologen mit ihren Satellitenbildern, Architekten, Stadtplaner, Kunst- und Musikwissenschaftler". Weitere künftige Anwendungsgebiete könnten die Organisationsentwicklung, das Qualitäts- und Projektmanagement, die strategische Planung oder multimediale Arbeitsplätze für das wissenschaftliche Arbeiten in Bibliotheken sein.

Ebenfalls neu ist eine Ausgabefunktion für Dateien im HTML-Format. "Mit einem Klick kann man seine Dokumente und Interpretationen als Datei für das World Wide Web erzeugen", beschreibt Muhr die neue Eigenschaft. "Das ist so einfach gehalten, daß jeder Wissenschaftler es ohne besondere Vorkenntnisse nutzen kann." Damit kann man Arbeitsergebnisse per Internet schnell und weltweit an interessierte Kollegen verteilen.

Daß seine Software im größer werdenden Bereich der quantitativen Forschung Erfolg haben wird, davon ist Thomas Muhr überzeugt: "ATLAS/ti zeigt neue Möglichkeiten des sinnvollen und ökonomischen Umgangs mit komplexen Daten auf, die sich mit herkömmlichen Methoden nicht oder nur mit großem Aufwand realisieren lassen." Die Demoversion des neuen Programms wurde bisher schon 350-mal aus dem World Wide Web (http://www.atlasti.de/) kopiert.

René Schönfeldt


Mehr Anschauungsmaterial gibt es auf einer öffentlichen Präsentation am Dienstag, dem 18. Februar, ab 14 Uhr im TU-Mathematikgebäude, Raum MA 267-270. Der TU-Bereich Wissenstransfer (WTB), die Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg sowie der ehemalige Leiter des ATLAS-Projekts, Professor Heiner Legewie vom Institut für Sozialwissenschaften, stellen die neue ATLAS/ti-Version für Windows-PCs vor. Thomas Muhr wird Konzepte und Eigenschaften des Systems vorstellen, Nutzer werden aus der Praxis berichten. Für eigene "Gehversuche" werden die Geräte bereitgestellt. Insbesonders eingeladen sind interessierte Vertreter aus der privaten Wirtschaft, die sich eine zukünftige Kooperation vorstellen können. Weitere Infos zur Veranstaltung gibt es bei WTB unter Tel. 314-2 17 68. Eine nähere Beschreibung des Systems findet man im World Wide Web unter http://www.atlasti.de/.

rs


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