STUDIERENDE

Es ist nie zu spät fürs Ausland

Erfahrungen eines Physik-Studenten in Marseille

Sechs Monate Jahr verbrachte TU-Physikstudent Daniel Bemmerer im vergangenen Jahr in Marseille. Bereits im neunten Semester hatte er sich noch kurzfristig entschlossen, ein Praktikum in einer ausländischen Forschungseinrichtung zu verbringen. Seine Wahl fiel auf die französische Hafenstadt Marseille und die dortige Hochschule "Ecole Nationale Supérieure de Physique de Marseille".

Frankreich war schon seit langem mein Traum gewesen für ein halbes oder ganzes Jahr Studium, aber ich hatte ihn nie verwirklicht. "Das kommt ja ohnehin zu spät", hatte ich mir gesagt, als ich im Dezember 1995 noch einmal darüber nachdachte. Ich war im neunten Semester des Diplomstudienganges Physik und sollte eigentlich gerade meine Studienarbeit beenden, um noch zügig fertig zu werden.

Trotzdem ging ich zu Professor Rudolf Rass, dem ERASMUS-Beauftragten meines Fachbereichs, hatte dabei aber auch noch einige Bedingungen im Hinterkopf: Es sollte nur ein Semester dauern, meiner Sprachkenntnisse wegen sollte es in ein französischsprachiges Land gehen, und gleich im Sommersemester müßte es sein. Wie durch ein Wunder wurde es trotzdem noch möglich: Es konnte aus dem ERASMUS-Topf Geld lockergemacht werden, und die ENSPM stimmte zu, mich als zweiten Berliner Studenten aufzunehmen.

"Le patron est là?" - Morgens um neun ist das die wichtigste Frage im MOS-Labor, wo ich mein Forschungspraktikum verbrachte. "Le patron" ist der Professor und Leiter der Forschungsgruppe, die aus ihm, drei wissenschaftlichen Mitarbeitern und drei studentischen Praktikanten besteht. Der patron lenkt wie ein absolutistischer Monarch die Geschicke der Arbeit: Ist er schon früh da, muß man damit rechnen, mit neuen Ideen und Richtlinien nach dem Motto "Was schert mich mein Geschwätz von gestern" überfallen zu werden. Dem "patron" zu widersprechen ist höchst ungewöhnlich; kommt es doch einmal vor, behält er meist das letzte Wort.

Außer der etwas autoritären Fixierung auf den Leiter unterscheiden sich die Arbeitsmethoden nicht sehr von den deutschen. Die Gerüchte von den faulen Südfranzosen treffen natürlich nicht zu, wenn auch die Einstellung zur Arbeit eine ganz andere ist: Sie hat keinen moralischen Stellenwert wie in Deutschland, sondern wird nüchtern in ihrer Funktion als Broterwerb und Vorbedingung für eine spätere Karriere gesehen.

Meine Aufgabe in der Arbeitsgruppe war es, ein Computerprogramm zu schreiben und zu erproben, das zur automatischen Steuerung und Vorauswertung von Messungen an sogenannten MOS-Transistoren (Metall-Oxid-Semiconductor) gedacht war. Es wurden Kapazitäts-Spannungs- und Strom-Spannungs-Kennlinien aufgenommen, aus denen man die in der Oxidschicht vorhandenen geladenen Störstellen bestimmen kann. Auf diese Art läßt sich die Entwicklung der verschiedenen Arten von Störstellen während einer Elektroneninjektion verfolgen, und das trägt wiederum zum besseren Verständnis der Alterungsmechanismen dieser Transistoren bei.

Neben mir, dem deutschen Austauschstudenten, machten noch zwei Franzosen ihr Praktikum in der kleinen Arbeitsgruppe; ein mehrmonatiges Forschungspraktikum (Studienarbeit) gehört in Frankreich wie in Deutschland zum 4. bzw. 5. Jahr der Physikerausbildung. Es wird sehr wichtig genommen, daß man die Ergebnisse solch eines Praktikums mündlich und schriftlich gut präsentieren kann; so mußte ich viel Zeit auf die wöchentlichen Zwischenberichte und den Abschlußbericht verwenden.

Hochschule und Industrie existieren in Marseille in einer Art Symbiose. Zwei Doktoranden aus der MOS-Arbeitsgruppe promovieren in der Industrie: Eine Doktorandin bei SGS-Thomson und ein Doktorand bei ATMEL-ES2, beides Firmen, die Halbleiterwerke in der Nähe der Stadt betreiben. Die Forschung findet an Halbleiterproben statt, die die Industrie zur Verfügung stellt, da das Labor nicht die technischen Möglichkeiten hat, selbst MOS-Halbleiter herzustellen. Schließlich machen regelmäßig ENSPM-Studenten im dritten Studienjahr ihr viermonatiges Praktikum in einem Industriebetrieb.

Die Firmen profitieren von den im Labor erzielten Forschungsergebnissen, da ja sehr anwendungsbezogen und an ihren Produkten geforscht wird. Außerdem können sie aus ehemaligen Praktikanten und Doktoranden der Hochschule einen Teil des Personalbedarfs decken.

Erst einmal gewöhnungsbedürftig ist für deutsche Verhältnisse die Unterbringung. In der "Cité Universitaire" sind die Zimmer klein, und bei dem Mittelmeerklima macht es sich negativ bemerkbar, daß man keinen Zugang zu einem Kühlschrank hat. Aber man muß ja, vor allem im Sommer, nicht viel drinnen sein. Ansonsten gibt es in Marseille auch Wohnungen und einige WG-Zimmer auf dem freien Markt, aber sie sind deutlich teurer als das Wohnheim, und außerdem kann man nicht so zwanglos auf dem Gang Kontakte mit den sehr internationalen anderen Bewohnern knüpfen.

Zusammenfassend kann ich jeder TU-Studentin und jedem TU-Studenten einen Frankreichaufenthalt nur wärmstens empfehlen. Gleich, ob man wie ich ein Praktikum macht oder in einen stärker verschulten Studienabschnitt einsteigt, man lernt nicht nur auf fachlicher Ebene einiges dazu. Ein ganzes Jahr Aufenthalt ist dabei allerdings sinnvoller als nur ein halbes.

Vom französischen savoir-vivre und einer gewissen Gelassenheit den "ernsten" Dingen des Lebens gegenüber kann man als Deutscher sehr profitieren. Schließlich ist Frankreich politisch und wirtschaftlich der wichtigste Partner Deutschlands, und Sprachkenntnisse und Kontakte können einem später noch nützlich sein.

Daniel Bemmerer


2/'97 TU-Pressestelle [ ]