STUDIERENDE

Vielfältige Freizeit

Marseille bietet Studium und Freizeit am Mittelmeer

Wer als angehender Physiker nach Marseille möchte, ist nicht nur auf ein Forschungspraktikum beschränkt. Ein halbes Jahr im Studienbetrieb der Hochschule für Physik ist eine weitere Möglichkeit, um Land und Leute kennenzulernen und seine Sprachkenntnisse zu vertiefen. TU-Student Tjalf Pirk nutzte diese Art des Auslandsstudiums und beschreibt, was die Hochschule so alles bietet.

Wenn man wie ich nicht direkt in einem Labor ein Praktikum macht, sieht der Alltag ganz anders aus und erinnert schon eher an das Studium hier in Berlin. Der wichtigste Unterschied - oder zumindest der erste, der auffällt, wenn man mitten im laufenden Jahr ankommt - ist, daß es kein Semestersystem mit einem festen Stundenplan gibt, sondern daß die vorgeschriebenen Veranstaltungen wochenweise festgesetzt werden. Die verschiedenen Fächer laufen nicht parallel eine komplette Studieneinheit durch. Statt dessen wird die eine Vorlesung abgeschlossen, an ihrer Stelle die nächste gelesen.

Ansonsten geht es recht ähnlich zu wie in Berlin: Vorlesungen sind fakultativ, außerdem gibt es Übungen. Hier werden in kleineren Gruppen, die etwa unseren Tutorien entsprechen, Aufgaben gerechnet und gelöst. Das Niveau ist ähnlich dem unseren; die Spezialgebiete der Schule, wie beispielsweise Optik und Halbleiter, werden allerdings ausführlicher behandelt.

An zwei Nachmittagen der Woche finden Praktika statt. Hier werden praxisnahe Experimente durchgeführt , die an den Arbeiten der Forschungslabors an der ENSPM orientiert sind. Neben den laufenden Veranstaltungen müssen weitere Projekte erarbeitet werden, so zum Beispiel in Informatik, wo ein komplexeres Programm geschrieben wird, oder in Englisch, wo die Studenten ein Referat halten müssen.

Neben all diesen Möglichkeiten, den geistigen Horizont weiter zu stecken, kommt die andere Seite des Lebens jedoch nicht zu kurz - eher im Gegenteil: Die Vielfalt an angebotenen Freizeitaktivitäten begeistert. Neben den beinahe klassisch zu nennenden Möglichkeiten wie Computer-, Astronomie- oder Fotoclub gibt es einen Weinkennerclub, Rollenspielgruppen und Schränke voller Bücher und Comics (eine Spezialität Belgiens und Frankreichs), die zum Stöbern und Schmökern einladen.

All das wird organisiert und vereint durch das "bureau des élèves", das jährlich neu gewählt wird und nur den Zweck hat, sich um die Verwaltung der ganzen Freizeitaktivitäten zu kümmern - auch die vielen Parties gehören dazu. So werden unter anderem regelmäßig Theateraufführungen, Tanzabende, festliche Diners, Videoabende und sogar Wochenendfahrten zum besseren Kennenlernen der Studenten untereinander veranstaltet.

Es werden außerdem viele sportliche Aktivitäten angeboten, zum Beispiel Volleyball, Basketball und Fußball, aber auch Radfahrten durch die Umgebung. Interessanter ist es natürlich, die Besonderheiten der Lage zu nutzen und so in den umliegenden Kreidefelsen mit Seilen und Gurten gesichert herumzuklettern oder mit dem "club plongée" im Mittelmeer zu tauchen - es besteht sogar die Möglichkeit, Tauchscheine zu machen! Regelmäßig gehen Gruppen von ENSPM-Studenten gemeinsam windsurfen (mit hochschuleigenem Material) oder segeln.

Bei einem solchen breitgefächerten Angebot treffen eigentlich alle Studierenden gelegentlich in lockerer Atmosphäre aufeinander, dementsprechend gut ist auch das Klima in der ganzen Schule. Man kennt sich, man trifft sich in den zwei Stunden Mittagspause (in ganz Marseille sehr wichtig...) und unterhält sich - kurzum, es ist auch kein Problem für Außenstehende wie ich es anfänglich war, Kontakte zu knüpfen oder sich in das tägliche Leben einzufinden.

Gerade deshalb ist es besonders schade, wenn man nur so wenig Zeit mit den Leuten verbringt, wie ich das getan habe - fünf Monate sind da wahrhaft zu kurz. Wenn man während seines Auslandsaufenthaltes dem normalen Studienverlauf folgen möchte, empfehle ich auf jeden Fall, ein ganzes Jahr zu bleiben. Das hat neben der noch besseren Integration in die Gruppe der Neuanfänger auch den Vorteil, daß man den Veranstaltungen von Anfang an folgen kann und nicht mitten hineinplatzt.

Tjalf Pirk


2/'97 TU-Pressestelle [ ]