NACHGEFRAGT

Ein Masterplan für Berlin

"Nicht mehr allein
aus der Perspektive
der Autofahrer"


Fritz Neumeyer

Wie könnte die Berliner Innenstadt im Jahre 2030 Jahren aussehen? Um dieser Frage nachzugehen, hatte Peter Strieder, Berliner Senator für Stadtentwicklung, im vergangenen Jahr den Auftrag für eine Studie gegeben, die mögliche Entwicklungen für den Bereich zwischen den Bezirken Mitte und Charlottenburg aufzeigt. Zwei Teams von Stadtplanungsexperten beschäftigten sich jeweils mit den Bereichen Mitte und City West. Einer von ihnen war der TU-Architekturprofessor Fritz Neumeyer, der sich gemeinsam mit dem Architekten Manfred Ortner der City West annahm.

Ende November stellten die vier Fachleute die Ergebnisse ihrer Arbeit vor: Unter anderem schlagen sie vor, vorhandene Freiräume zwischen Charlottenburg und Potsdamer Platz zu bebauen und beide Bereiche untereinander besser zu vernetzen. Der Autoverkehr soll vermindert werden, breite Verkehrsschneisen aus den 50er und 60er Jahren sollen auf ein normales Fahrbahnmaß zurechtgestutzt werden. Die Vorstellungen, die als "Masterplan" bezeichnet werden, sind aber keine Bauplanung im konkreten Sinne, sondern eine Studie, die eine mögliche Zukunft der Berliner Innenstadt beschreibt, betont Fritz Neumeyer.

Wozu braucht Berlin eigentlich einen solchen Plan der Pläne? Und welche Vorstellungen für das Berlin von morgen haben die Stadtfachleute entwickelt? TU intern fragte dazu Masterplan-Autor Fritz Neumeyer.

Wofür braucht Berlin eigentlich einen Masterplan?

Erstens ist unsere Arbeit eine Bestandsaufnahme von allen Planungen, die derzeit an den verschiedensten Orten im Gange sind, die aber völlig unkoordiniert geplant und realisiert werden. Eine solche Bestandsaufnahme gab es bisher nicht. Zweitens haben wir Bilder entwickelt, wie Berlin in dreißig, vierzig Jahren aussehen kann - ausgehend von dem jetzigen Zustand und den derzeitigen Planungen. Das ist eine Art Editionsarbeit an dem großen Text der Stadt. Wir versuchen die Frage zu beantworten: Was braucht die Stadt, um als Stadt besser lesbar zu werden und um in ihrer Identität gestärkt zu werden?

Welche Grundgedanken liegen Ihren Vorschlägen zugrunde?

Es geht uns einerseits um die Stärkung der Identitäten und zweitens um die Vernetzung der einzelnen Orte. Ein Beispiel ist das Kulturforum, ein ganz isolierter Ort. Es sind dort alles wunderbare Gebäude, aber sie stehen mit nichts in Beziehung. Unsere Idee war, diese Isoliertheit als Bestandteil der Identität zu respektieren. Dann wollten wir diese Identität aber auch deutlicher artikulieren und sie wie Juwelen in einer Samtschatulle präsentieren, etwa indem man durch gartenarchitektonische Maßnahmen einen einheitlichen Hintergrund schafft. Durch Grünachsen versuchten wir diesen Ort außerdem besser mit dem umgebenden Stadtkontext des Tiergartens zu vernetzen.

Im Bereich der TU schlagen sie vor, daß die Hertzallee durch den TU-Campus auf den Ernst-Reuter-Platz hindurchgeführt wird. Wie soll das aussehen?

Wir wollen die Hertzallee natürlich nicht als normale Verkehrsstraße dort entlang führen. Das ist ausschließlich für Fußgänger, Radfahrer und eventuell Anlieferungen gedacht. Dazu sollte man den bestehenden Straßenraum kenntlicher machen, durch eine Radfahrspur, Grünplanung und einen anständigen Eingang am Ernst-Reuter-Platz, so daß der Campus dort ein Entree bekommt. Außerdem haben wir vorgeschlagen, den TU-Campus am Ernst-Reuter-Platz und an der Straße des 17. Juni aufzuwerten, indem man diese enormen Parkplätze auf der Nordseite der Straße reduziert und eine schöne Grünfläche, einen städtischen Park daraus macht.

Was ist die bedeutendste Veränderung, die Ihr Plan für die Berliner Innenstadt vorsieht?

Die wichtigste Veränderung ist, daß man die Stadt nicht mehr allein aus der Perspektive des Autofahrers betrachtet. Es gibt ja einen Senatsbeschluß, daß man das Verhältnis von privatem zu öffentlichem Verkehr auf 20 zu 80 herunterfahren will, und das nehmen wir ernst. Flächen, die nur zum Durchfahren durch die Stadt bereitgehalten werden, geben wir denen zurück, die sich in der Stadt aufhalten. Der Durchgangsverkehr sollte dafür auf ein Maß reduziert werden, daß man dort angenehm leben und wohnen kann.


1/'97 TU-Pressestelle [ ]