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Sparen, sparen - und kein Ende

Wie sieht die TU Berlin nach zehn Jahren Sparkurs aus?

"Sparen" ist an den Berliner Hochschulen 1996 in aller Munde gewesen. Gute Chancen hätte es auf den Titel "unbeliebtestes Wort des Jahres". Sparen ist allerdings nicht gleich Sparen, meint TU-Professor Georg Hinrichsen vom Fachbereich 6 Verfahrenstechnik, Umwelttechnik, Werkstoffwissenschaften. Wenn "Sparen" in den nächsten Jahren weiterhin mit "Kürzen" verwechselt wird, wie sieht dann die TU Berlin in zehn Jahren aus? Verfallende Gebäude, die sich als Museumsbauten anbieten, und eine mit sich sellbst beschäftigte Verwaltung, meint Hinrichsen, der im folgenden ein Szenario einer TU Berlin entwirft, die mit einem Drittel weniger an staatlichen Zuschüssen auskommen soll.

Die Zukunft der TU Berlin: Ein Museum, das keiner besuchen will?

Folgt man dem neuesten Brockhaus, so bedeutet Sparen den"Verzicht auf die Verwendung von Einkommen für gegenwärtigen Konsum zugunsten künftigen Konsums oder zugunsten langfristiger Vermögensbildung". Das klingt recht positiv, läßt es doch erwarten, daß das Sparen einen Sinn macht und zu erwarten ist, daß dem Sparer in Zukunft mehr Geld zur Verfügung stehen wird, mit dem er dann die beabsichtigten Vorhaben finanzieren kann. Allerdings, neben diesem "freiwilligen Sparen" kennt der Brockhaus bereits das Zwangs-Sparen, das "bei staatlicher Verordnung vorliegt" und das in "erzwungenes Sparen" und "ungeplantes Sparen" unterteilt werden kann.

Die Sparauflagen des Berliner Senats an den Globalhaushalten der Universitäten heißen jedoch nur dem Namen nach so und sind in Wirklichkeit nichts anderes als Kürzungsmaßnahmen seiner finanziellen Zuwendungen. Das positive Wort Sparen wird lediglich als euphemistische Umschreibung des mit negativer Bedeutung befrachteten Wortes Kürzen verwendet. Was bedeutet nun für die TU Berlin die Kürzung von ca. 30 bis 40 Prozent der staatlichen Zuwendungssumme, verteilt über die nächsten drei bis fünf Jahre, tatsächlich? Entwerfen wir dazu ein kleines Szenario:

Man sagt, Geld sei scheu wie ein Reh, Professoren sind es nicht minder! Sobald sich die Kürzungsmaßnahmen herumgesprochen haben - und das geht schnell -, bewerben sich die tüchtigsten und jüngsten Berliner Professoren auf Lehrstühle Nichtberliner Universitäten, und es setzt ein Exodus der Besten ein. Umgekehrt gelingt es nicht, herausragende Lehrer und Forscher zur Rufannahme an die TU Berlin zu bewegen, da die Ausstattungszusagen völlig unattraktiv sind oder - wie in letzter Zeit geschehen - nicht mehr eingehalten werden (können). Damit derartige Probleme bei den Berufungsverfahren gar nicht erst eintreten können, hat der Senator WissKultForsch in weiser Voraussicht seit einigen Monaten überhaupt keine Rufe mehr erteilt; und man könnte sich vorstellen, daß er dieses Vorgehen noch einige Jahre beibehält, bis die Zahl der Professoren unter die vorgegebene 50 Prozent-Grenze gesunken ist.

Das Abschmelzen von Professoren hat zudem den großen Vorteil, daß für derartige "Nichtexistenzen" auch keine wissenschaftlichen und technischen MitarbeiterInnen, Sekretärinnen und TutorInnen benötigt werden. Wie man ein Übel stets an den Wurzeln packen und nicht an den Symptomen herumkurieren soll, so ist es richtig und überzeugend, die Zahl der Professoren einer Universität mit jedem denkbaren Mittel zu verringern, um erfolgreich Kürzungen durchzusetzen zu können: "Sind die Profs erst eliminiert, lebt es sich ganz ungeniert".

Die Verringerung der Professorenzahl bringt einen weiteren gewünschten (Neben-) Effekt mit sich. Denn, gibt es keine Professoren, Assistenten und Tutoren, werden keine Vorlesungen, Übungen, Seminare und Praktika angeboten und - keine Lehrveranstaltungen, keine Studenten. Berlin hat sich 40 Jahre lang den Luxus erlaubt, erheblich mehr Studentinnen und Studenten auszubilden, als es seiner Bevölkerungszahl entsprach; jetzt, in den schweren Jahren der Haushaltskonsolidierung, sind die anderen Bundesländer - allen voran die neuen Bundesländer mit ihren nicht ausgelasteten Universitäten - gefordert, ihren Solidaritätsbeitrag zu leisten und die Berliner Studenten(überlast) auszubilden. Dann reichen in Berlin Universitäten von der Größe der TU Clausthal, der Gesamthochschule Siegen oder der Universität Oldenburg. "Ob forsch oder lahm - studieren in Potsdam!" Was bleibt von der TU Berlin in etwa 10 Jahren? Nun, zunächst einmal die langsam verfallenden Gebäude, die sich wegen ihrer optimalen Innenstadtlage und Nähe zum Regierungsviertel als Museen für Maschinenbau und Verkehrstechnik, Schiffbau und Elektrotechnik hervorragend eignen und neuen Nutzen finden. Ferner überlebt die Verwaltungsabteilung der TU in nahezu voller Stärke, da die "Aussterberate" von Verwaltungsmitarbeitern mit Lebenszeitverträgen nur minimal und eine Versetzung in eine bereits jetzt mehr als überfüllte Senats- und Bezirksverwaltung völlig ausgeschlossen ist. Aber entsprechend einem der Parkinsonschen Gesetze wird sich die TU-Verwaltung dann bestens mit sich selbst beschäftigen; gute Ansätze dafür zeigt sie ja bereits heute.

Dem nächsten Brockhaus wird zu empfehlen sein, das Wort Kaputt-Sparen aufzunehmen als "eine Zwangsmaßnahme, die sowohl vollständig unsinnig ist als auch für die Zukunft (unserer Kinder) nicht die geringste Perspektive bietet". Tempora mutantur et nos in illis mutamur.

Georg Hinrichsen


1/'97 TU-Pressestelle [ ]