STUDIUM

In der Fremde sich selbst und dem anderen begegnen

Eindrücke einer Studienreise nach Indonesien

Andere Länder, andere Schulen. Was Bildung im Kontext einer ganz anderen Gesellschaft ausmacht, erfuhr eine Gruppe von TU-Studierenden bei einem Studienbesuch in Indonesien. Einen Eindruck von ihrer Reise gibt der folgende Bericht von Christian Kercher und Professor Wolfgang Karcher vom Fachbereich 2 Erziehungs- und Unterrichtswissenschaften.

"Selamat pagi, anak-anak!" - "Selamat pagi, Bapak dan Ibu guru!" ("Guten Morgen, Kinder! - Guten Morgen, Herren und Frauen Lehrer!"). Die Viertklässler tuscheln neugierig: "Wer sind die buleh (Europäer) und die anderen?" Vor ihnen stehen sieben Studenten aus Berlin, zusammen mit ihren indonesischen Gastgebern von der Pädagogischen Hochschule in Manado. "Was wollen die hier?"

Ja, wie kamen wir darauf, hier hospitieren und unterrichten zu wollen und uns mit Studenten und Dozenten über Schule und Bildung auszutauschen? Ist sie nicht durch staatliche Gesetze geregelt, so daß die Unterschiede noch dazu zwischen armen und reichen Ländern groß sind und der Horizont begrenzt ist? Ihn zu erweitern, darum ging es im zweisemestrigen Seminar "Kindheit und Schule in Indonesien" im Fachbereich Erziehungs- und Unterrichtswissenschaften, das die Studienreise im März diesen Jahres vorbereitete. Erziehung und Schule lassen sich besonders gut im Spiegel des Fremden erkennen und überprüfen. In der Überzeugung, daß man sich sowohl an der Uni als auch in der Schule den Chancen und Nöten der immer kleiner werdenden Welt stellen muß, widmeten wir uns dem Themenbereich Bildung im Nord-Süd Konflikt.

Eine der Übungen, die die TU-Gäste ihren indonesischen Schülerinnen und Schülern aufgaben, war die geographische Erkundung der Welt

Indonesien ist mit seinen über 200 Millionen Einwohnern das viertgrößte Land der Erde. Es erstreckt sich mit 13000 Inseln über eine Entfernung, die der von Portugal bis zum Ural entspricht. Die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft, in der 360 Ethnien und vier Weltreligionen vertreten sind, ist problematisch. Auf das Militär gestützt, hält der Diktator Suharto das Land mit Gewalt zusammen. Seine Familie und ein kleiner Teil der Bevölkerung profitieren von einer rücksichtslosen Industrialisierungspolitik, ermöglicht durch das überaus reiche Rohstoffvorkommen des schönen tropischen Landes.

Es werden nun besser ausgebildete Arbeitskräfte gebraucht. Bisher stand jedoch die Quantität des Bildungssystems im Vordergrund: Seit dem Ende der holländischen Kolonialherrschaft 1945 mußte erstmals ein Schulsystem für die gesamte Bevölkerung aufgebaut werden. Und noch heute sind von Jahr zu Jahr Tausende neuer Schulen zu bauen, weil mehr als 40% der Menschen jünger als 15 Jahre sind.

Seit 1991 widmet sich in mehreren Provinzen ein Projekt der Verbesserung der Qualität des naturkundlichen Unterrichts in Grundschulen. Ziel ist die Schülerzentrierung und mehr selbstbestimmtes und entdeckendes Lernen. Um die Reformanstrengungen in der Provinz Nord-Sulawesi kennenzulernen, erhielten wir eine Einladung von Dr.Friedhelm Göltenboth, der als Bildungsberater der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Indonesien arbeitet. Mit Unterstützung der Gesellschaft der Freunde der TU Berlin und dem Akademischen Austauschdienst, die einen Sprachkurs und einen Teil der Reisekosten finanzierten, wurde die Reise möglich.

Wir wurden als Ehrengäste empfangen. Nach einer intensiven Hospitationsphase an einer Zentralschule des Projekts erarbeiteten wir in Lehrerteams gemeinsam mit den indonesischen Studierenden Unterrichtsentwürfe und führten sie in mehreren Schulklassen durch. Unterrichtsthemen waren zum Beispiel der Siedepunkt des Wassers, den die Schüler durch Experimentieren selbst herausfinden sollten; die geographische Erkundung der Welt anhand von Globen und Weltkarten sowie die Beziehungen zwischen den Menschen verschiedener Völker.

Im Mittelpunkt stand das Bemühen um schülerorientierte Methoden. Wir setzten Gruppen- und Partnerarbeit als Unterrichtsformen ein, ermutigten die Schüler zu einer aktiven Beteiligung und kreativem Gestalten sowie dazu, Fragen zu stellen. Wie neu dies für indonesische Verhältnisse ist, offenbart die Tatsache, daß Eltern und Lehrer die Kinder, die viel fragen, als frech und ungehörig zurechtweisen.

Indonesischer Schulalltag: der morgendliche Fahnenappell inklusive militärischem Gruß

Während in deutschen Schulen Individualität groß geschrieben wird, denken und handeln die Kinder und Erwachsenen in Indonesien viel stärker gemeinschaftsbezogen. Zum Beispiel nahmen unsere Partner sich uns gegenüber zurück. Ihre höfliche Bescheidenheit tat uns gut, die wir zur Überbetonung des eigenen Standpunktes neigen. Es machte aber andererseits das Verstehen ihrer Vorstellungen und Wünsche oftmals schwierig. Gemeinschaft bedeutet auch den wöchentlichen Fahnenappell und das Herunterbeten der Staatsdoktrin Pancasila ( im Sinne von "Ein Gott, ein Land, eine politische Ordnung..."). Grundsätzlich gilt als Prämisse von Bildung die Einordnung der Heranwachsenden in das bestehende System, nicht die eigene Auseinandersetzung mit der Welt, um sie womöglich und wo nötig, zu ändern.

Eine der uns betreuenden Dozentinnen wird zur Promotion an die TU Berlin kommen. Leider mangelt es an Geld für einen Gegenbesuch der anderen Partner. Das ist sehr schade, denn erst der Besuch der Indonesier in Deutschland würde unseren Austausch zu einem gegenseitigen machen und unseren Dialog gleichberechtigt.

Christian Kercher/Wolfgang Karcher


Schulen in Indonesien

Die Schulen in Indonesien sind sehr hierarchisch geführt und in das Korsett eines zentralen Curriculums gepreßt, das den Lehrern bis ins kleinste Vorschriften macht. Weil Personen nicht widersprochen wird, die im Status über einem stehen, ist Widerspruch oder direkte Kritik in den Schulen nicht zu erwarten und auch in den Hochschulen selten. Es gibt kaum Möglichkeiten zur Weiterbildung und wenig Austausch unter den Lehrern. Ihr größtes Problem ist das geringe Gehalt. Es sichert ihren Lebensunterhalt höchstens für den halben Monat, so daß sie dazuverdienen müssen. Mehr als der Hälfte aller indonesischen Eltern fällt es zudem schwer, die Kosten für die Bücher und Schuluniformen ihrer Kinder aufzubringen, obwohl sonst kein Schulgeld zu zahlen ist. Die Zahl der Schulabbrecher ist hoch. Meist sind die oberen Klassen der sechsjährigen Grundschule kleiner. Um so wichtiger wäre es, daß die Unterrichtsinhalte relevant für die Lebenswirklichkeit der Schüler sind. Die Kinder sind jedoch in Klassengrößen von 35 bis 45 meist zum passiven Aufnehmen und Auswendiglernen des Stoffes verurteilt. Der Unterrichtsstil ist autoritär, der Ton nicht selten militärisch. Trotzdem sind die Kinder in Mathematik den deutschen Schülern voraus, und ihre Disziplin und ihr Respekt wäre den Gleichaltrigen hierzulande fremd. Aber ein versuchtes freies Zeichnen in einer dritten Klasse zeigte, daß sie kaum dazu fähig waren, selbständig in Absprache mit den Mitschülern Bilder zu gestalten. Sie malten alle das "indonesische Einheitsbild": immer eine Straße und zwei Vulkane unter der Sonne.

tui


10/'97 TU-Pressestelle [ ]