HOCHSCHULPOLITIK

Matrix-Organisation jetzt

Die Alternative zum Alternativ-Papier der Reformfraktion

Worum es in dem zweiten Papier aus der TU-Reformfraktion geht und warum die Universität nicht auf acht Fachbereiche umgebaut werden soll, erklärt im folgenden Wolfgang Neef. Er ist Leiter der TU-Zentraleinrichtung Kooperation und gehört der Arbeitsgruppe an, die das zweite Alternativpapier der Reformfraktion entwickelte.

Die TU, so legen es die vorliegenden Vorschläge zur Neustrukturierung nahe, hat sich damit abzufinden, zum zweiten Mal innerhalb von fünf Jahren ihre Fachbereichsgliederung breitflächig zu erneuern und auf ca. 320 zu schrumpfen. Zwei Optionen dazu liegen vor. Wozu also eine dritte?

Der "Heiratsmarkt", sagt man uns, sei in vollem Gange und nicht mehr zu stoppen - wer mit wem in einem neuen Fachbereich X zusammengehen oder gerade nicht zusammenkommen wolle, werde längst fleißig in den verschiedensten Arbeitsgruppen der Fachbereiche ausgehandelt. Und wir seien zu spät dran, wenn wir die Frage stellen wollten, ob es sinnvoll sei, die inhaltliche Reformarbeit der TU durch solche Entscheidungsprozesse und ihre - nach den 93er Erfahrungen - langwierigen Mühen des Zurechtrüttelns für die nächsten zwei Jahre lahmzulegen. Schließlich: Für eine Prüfung, was sich denn nun seit der 93er Reform bewährt habe, sei keine Zeit - es genügte "die Notwendigkeit" (Reformfraktionspapier) oder die ex cathedra verkündete Einschätzung des Präsidenten und seiner Planer (P-Papier). Beide Papiere operieren dabei mit abstrakten Kriterien von Disziplinarität bzw. Interdisziplinarität und beziehen sich mit keinem Wort auf die Tatsache, daß Organisationen wesentlich soziale Systeme sind und ihr Funktionieren weit mehr von "human relations" als von physikalischen oder ökonomischen Faktoren abhängt, die den hektischen Top-Down-Umstrukturierungen nach abstrakten bzw. rein quantitativen Kriterien zugrundezuliegen scheinen.

Deshalb hat eine Arbeitsgruppe aus vier Professoren, drei Mittelbauangehörigen und drei sonstigen Mitarbeitern aus der Reformfraktion, dem "Zeitgeist" widerstehend, einen Alternativvorschlag vorgelegt (nachzulesen im WWW unter Adresse: http://www.tu-berlin.de/politik/listen/refra/alternativ/). Grundlage dieses Vorschlages war die Kritik an der o. g., absehbar ineffizienten Umorganisationshektik und an der Phantasielosigkeit, die Impulse für Veränderungen nur auf der Ebene der Fachbereichszusammenstellung sucht und innovative Ansätze wie eine Matrix-Organisation (P-Papier) lediglich lyrisch-verbal, aber unverbindlich im Raum stehen läßt - erfahrungsgemäß eine Verschiebung auf den St.-Nimmerleins-Tag.

Unser "Alternativpapier" versucht statt dessen, organisatorische Selbstbeschäftigung der gesamten TU nach vorwiegend "chemischen" Kriterien (wer kann mit wem) zu vermeiden. Die in der Tat nötigen Anstrengungen sollten auf die Zielsetzung orientiert werden, durch abgestuft flexible Verknüpfungen zwischen den Fachbereichen die Erfüllung der verschiedenen Aufgaben - Forschung, Lehre, Dienstleistung/Weiterbildung - organisatorisch zu erleichtern. Dabei wurden auch Ansätze für Verwaltungsreform und Hochschulcontrolling skizziert. Der Vorschlag verzichtet daher - unter zähneknirschender Akzeptanz der Schrumpfung auf 320 Fachgebiete - auf großflächige Neuordnung aller Fachbereiche und sieht Änderungen nur dort vor, wo sich die 93er Reform nicht bewährt hat. So kommen wir auf 13 Fachbereiche, davon 12 weitgehend der aktuellen Gliederung entsprechend.

Der Kern des Vorschlags ist eine Matrix-Organisation. Sie wird für die Lehre umgesetzt durch zunächst fünf "Studienbereiche", die die seit 1993 eingerichteten, bereits einmal positiv evaluierten Studienbüros zusammen mit entsprechenden Verwaltungseinheiten (Prüfungsämter, Studienberatung) zu einem professionellen Lehr- und Studienreformmanagement weiterentwickeln. Sie bündeln verwandte, auch vom Berufsfeld her zusammengehörige Studiengänge und steuern je nach Interdisziplinarität mehrere Fachbereiche an. Sie sind auch die Instanzen, die Studien- und Prüfungsordnungen ausarbeiten und - nach Passieren des Akademischen Senats, ohne Beteiligung des Senators - erlassen. So soll gesichert werden, daß bei voller Verantwortung der Fachbereiche bzw. Fachgebiete für die Durchführung der Lehre bzw. ihre einzelnen Inhalte die curriculare Gestaltung von den Fachegoismen unabhängig erfolgt und Evaluation der Lehre und Studienreform stattfinden. Die Kommission für Lehre und Studium (LSK) kann entfallen - Mitbestimmungsmöglichkeiten der Studierenden werden durch Drittelparität in den von den Fachbereichen einzurichtenden Studienbereichsräten gewährleistet, die Koordination auf TU-Ebene durch den Akademischen Senat. Rechtliche Basis hierfür ist die Erprobungsklausel.

Auch die Verknüpfung der Forschung zur Realisierung insbesondere von mehr Interdisziplinarität durch Verbundprojekte basiert auf vorhandenen und erprobten Instrumentarien. Das sind die über die FNK (Kommission für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs) laufenden Schwerpunkte und die in der letzten Zeit neu errichteten Zentren/fachbereichsübergreifenden Forschungsschwerpunkte. Sie können auf Zeit, kurz- oder mittelfristig, oder aber bei langfristig absehbarer Perspektive ihrer Themenbündelung auch auf Dauer eingerichtet werden. Dies gewährleiste mehr Flexibilität, weniger Reibungsverluste und Verwaltungsaufwand als voluntaristische organisatorische Festschreibungen in großen interdisziplinären Fachbereichen. Wo allerdings solche Fachbereiche seit längerer Zeit bestehen und funktionieren, spricht nichts für ihre Zerschlagung und Einordnung in disziplinäre Einheiten.

Abschließend sei betont, daß der Vorschlag keine "Patentlösungen" zu liefern beansprucht. Er soll vielmehr eine mögliche konzeptionelle Basis für realisierbare und effiziente strukturelle Maßnahmen aus den Fachbereichen heraus liefern, die dann von den zentralen Gremien aufgenommen und in ein Gesamtstrukturkonzept gegossen werden können. Der Vorschlag baut auf bisherigen Reformansätzen in der TU Berlin auf und zielt darauf ab, an diejenigen Überlegungen in den Fachbereichen anzuknüpfen, die das Aufwand-/Ertrags-Verhältnis einer erneuten Neugliederung der gesamten TU für zu schlecht halten. Er will dagegen deutlich machen, daß nun endlich mit strukturellen und inhaltlichen Reformen der Studiengänge, aber auch interdisziplinärer, problem- und regionalbezogener Forschung und Dienstleistung und einer aufgabenbezogenen Verwaltungsreform ernst gemacht werden muß.

Wolfgang Neef


10/'97 TU-Pressestelle [ ]