TU intern - Juni 1998 - Aktuelles

Der Luftffisch hebt ab

Projektwerkstatt feiert Stapellauf ihres Luftschiffs

Der Luftffisch und seine stolzen Erbauer (v. r.): Thomas Schmack, André Bauerhin, Vizepräsident Christian Thomsen, als Förderer des Projektes, Manuela Templer, Yousif Abd el Gadir, Florian Böhm, Nicolas Lewkowicz, Berkant Göksel und Dr. Rudolf Bannasch, der die Form des Luftffischs entwickelte
Das Quietschen und Knarren der Tür erinnert eigentlich an Gespenstergeschichten und verwunschene Schlösser. Aber dazu paßt die Umgebung nicht: Strahlender Sonnenschein, gut gelaunte Menschen, erwartungsvolle Stimmung. Ort des Geschehens ist der Hof des Instituts für Luft- und Raumfahrt, der Anlaß des Treffens? Kommt gleich …

Ein bißchen Geduld mußte man schon haben, bis sich die Tür endgültig öffnete, Quietschen und Knarren, heraus kommt ein Student. In der Hand hält er eine Leine. Aber daran führt er kein Pferd auf den Hof, auch keinen Hund sondern - ein Luftschiff. Vorsichtig wird das knapp zehn Meter lange, gelb-orange Gefährt aus der Halle gebracht. Die Projektwerkstatt Luftffisch der TU Berlin feiert das ”Roll out" - den Stapellauf - des Luftffischs No. 1, eines ”Kleinluftschiffes zu Lehr- und Versuchszwecken". Es ist ein halbstarres Luftschiff, bei dem ein starres Kielrohr mit der Hülle verbunden ist.

DIE FLIEGENDEN ZIGARREN

Dadurch unterscheidet es sich von den Zeppelinen, bei denen die Hülle durch ein festes Gerüst in Form gehalten wird. Die Zeppeline waren es auch, die lange Zeit sehr erfolgreich waren. Das Ende ihrer großen Zeit begann vor fast genau 61 Jahren, als am 3. Mai 1937 die Hindenburg zum Flug nach Lakehurst, dem New Yorker Luftschiffhafen, aufbrach. Sie war mit 245 Metern Länge das größte Luftschiff, das jemals gebaut wurde. Ihre Reise endet drei Tage später in einer Katastrophe. Beim Anlegen explodiert der Zeppelin vor den Augen der zahlreich erschienenen Zuschauer und Reporter und brannte innerhalb kürzester Zeit ab. 35 Menschen fanden dabei den Tod. Warum sich das explosive Gemisch aus Wasserstoff (mit dem der Zeppelin gefüllt war) und Sauerstoff bilden konnte und wie es zum Zünden der Explosion kam, wurde niemals abschließend geklärt. Doch mit diesem Unglück ging die Ära der Zeppeline ihrem Ende entgegen. Fast 30 Jahre hatten die berühmten ”silbernen Zigarren" auf Linienflügen viele tausend Kilometer zurückgelegt. Allein das Luftschiff ”Graf Zeppelin" flog zwischen 1928 und 1937 rund 1,5 Millionen Kilometer weit. Dabei umrundete es sogar in sechs Etappen einmal die Erde.

Seitdem hat sich einiges geändert. Wohl kaum jemand käme heute noch auf die Idee, Luftschiffe mit Wasserstoff zu füllen, statt dessen verwendet man Helium. Der Luftffisch des Projektlabors unterscheidet sich noch in anderen Punkten von seinen berühmten Vorgängern.

Da wäre zum Beispiel die Form, irgendwie oval sieht die Hülle aus, hat aber angespitzte Enden und wenig Ähnlichkeit mit der klassischen Zigarrenform. Auch wenn man es auf den ersten Blick nicht erkennt, diese Form ist abgeschaut von einem Pinguin. ”Pinguine", erklärt Dr. Rudolf Bannasch vom Fachgebiet Bionik und Evolutionsstrategie, ”kommen mit ganz wenig Energie aus. Mit einem Kilogramm Krill können sie 100 Kilometer weit schwimmen". Umgerechnet entspräche das einem Auto, das mit einem Liter Sprit 1800 Kilometer weit fährt. Der Grund dafür liegt in der Form der Pinguine. Die wunderlichen Vögel haben einen Strömungswiderstand, der weit unter dem liegt, was Menschen jemals gebaut haben. Rudolf Bannasch hat den Pinguinkörper mit Hilfe des Computers rotationssymmetrisch gemacht. Das Resultat: ein weiter reduzierter Strömungswiderstand. Die Form des Luftffischs stand damit fest. Neu und für Luftschiffe bisher noch nicht untersucht ist auch sein Antrieb, eine sogenannte Schubvektorsteuerung. Insgesamt sechs Motoren, vier davon schwenkbar, sollen sowohl für den Vortrieb sorgen, als auch dafür, daß das Luftschiff in alle Richtungen beweglich ist.

Angefangen hat alles vor etwa drei Jahren. ”Wir haben uns wöchentlich zum Fachsimpeln getroffen" erklärt Nikolas Lewkowicz. Er gehört zu den etwa sieben Studierenden, die den Kern der Projektgruppe bilden. Im Dezember 1997 wurde dann offiziell die Projektwerkstatt Luftffisch an der TU Berlin genehmigt. Zum Roll out hatte Vizepräsident Christian Thomsen, zuständig für Lehre und Studium, es sich nicht nehmen lassen, den Mitgliedern der Projektwerkstatt persönlich zu gratulieren und in einer kurzen Rede auf die Bedeutung der Projektwerkstätten hinzuweisen. Die Erbauer des Luftffischs sind übrigens nicht nur Studierende der Luft- und Raumfahrt, sondern kommen oder kamen aus ganz unterschiedlichen Bereichen, wie Philosophie, Umwelttechnik, E-Technik, Landschaftsplanung und Verkehrswesen.

In den vergangenen Monaten haben die Studierenden zunächst einmal Bauerfahrung gesammelt, zum Beispiel damit, wie man Nähte heliumdicht verschweißt. ”Luftffisch No. 1 ist ein Modell", sagt Florian Böhm, einer der Tutoren der Projektwerkstatt, ”aber man kann daran alles lernen, was für große Luftschiffe wichtig ist".

DAS FLIEGEN LERNEN

Nachdem der Luftffisch auf der Internationalen Luft- und Raumfahrt-Ausstellung präsentiert wurde, stehen nun Untersuchungen zum Antrieb und zum Flugverhalten auf dem Programm. Dazu soll das Luftschiff zunächst in einer Messehalle das Fliegen lernen, denn ”Luftschiffe reagieren, ähnlich wie Luftballons, auf jeden Wind". Dies gilt natürlich besonders für kleine leichte Modelle. Am Schluß stehen Flugversuche im Freien, z. B. mit einer Kamera. Für weitere Ideen, wie der Luftffisch eingesetzt werden kann, sind die Luftschiffbauer offen.

Im Sommer des kommenden Jahres möchten die Studierenden am internationalen Hochschulwettbewerb des Aeroclub France teilnehmen. An dessen Gründung vor 100 Jahren war übrigens auch ein berühmter Luftschiffbauer beteiligt. ”Santos Dumont, das war ein Brasilianer", sagt Lewkowicz, ”der gewettet hat, daß er seine Frau mit einem Luftschiff zum Einkaufen schickt".

Zum Einkaufen wollen sie zwar nicht damit, aber an ein großes Luftschiff gedacht hat auch die Projektwerkstatt. ”Wir träumen davon", sagt Lewkowicz, ”ein großes Schiff für zwei Personen zu bauen". 500 Kubikmeter groß soll es werden und auf seiner Oberseite mit Solarzellen ausgestattet sein. Die Materialkosten lägen bei rund 200000 DM. Mögliche Einsatzgebiete wären zum Beispiel Umweltmonitoring und Kameraflüge.

Dumont soll damals seine Wette gewonnen haben. Vielleicht wird eines Tages auch der Traum der Luftschiffbauer aus dem Projektlabor in Erfüllung gehen, zu fliegen ”mit einem solchen Fluggerät, leichter als Luft".

Ursula Resch-Esser


6/'98 TU-Pressestelle