TU intern - Oktober 1998 - Alumni

Liebe und Flügelmuttern

Erinnerungen eines Ehemaligen

Auch Ende der dreißiger Jahre beschäftigte sich der Studienanfänger in den ersten Tagen mit einer ”Erfindung der Neuzeit": Schlange stehen
Gedruckte Erinnerungen von Ehemaligen zeigen, wie es zuging einst an der TU. Da gab es zum Beispiel, Ende der 30er Jahre, einen technisch interessierten Abiturienten namens van Tast …

Schon die Studienentscheidung kann als vorbildlich gelten: Physik war in der Schule sein Lieblingsfach, er wählte daher Maschinenbau. Seine Erwartungen an den neuen Lebensabschnitt sind hoch, sie werden nicht enttäuscht:

”Und wirklich beschäftigte ich mich schon am nächsten Tag auf der Hochschule intensiv mit einer Erfindung der Neuzeit, die später einmal richtungsweisend werden sollte: Schlange stehen. Je mehr Leute einem bei dieser Beschäftigung helfen, um so länger dauert sie."

Dann geht es los. Der junge Mann verhält sich vorbildlich und tut, was Studierenden gegenwärtig wieder gern geraten wird: Er legt sein Studium breit an und setzt zugleich Schwerpunkte:

”Das Gewinde ist als abgewinkelter Keil zu berechnen, dessen Grundlinie gleich ist dem Schraubenumfang… Sie hatte große Augen und schmale braune Hände."

Der Lehrstoff erweist sich als ebenso interessant wie verzwickt. Schwer, all die neuen Eindrücke zu koordinieren und irgendwie streikt sein Organizer:

”…während das Gefüge eines gewalzten Gewindes höhere Festigkeit aufweist - Und ich wußte nicht wo sie wohnte. Nicht einmal ihre Telefonnummer hatte ich mir aufgeschrieben!"

Dann sind Ferien. Unser Held bildet mit dem Kommilitonen Horst eine Arbeitsgruppe: Gemeinsam wird man mit dem Motorboot des Herrn Papa havelabwärts fahren. Eine Ferienreise, die sich schnell als Praxisprojekt von nicht geringem Schwierigkeitsgrad herausstellen soll.

Ein Techniker weiß sich in allen Lebenslagen zu helfen. Zwei Techniker sind quasi unschlagbar. Allerdings verlangt das Innenleben des Schiffchens ”Adagio" den beiden ein Höchstmaß an Kreativität ab. Erst als sie den Korkenzieher ins Getriebe werfen - ingenieurtechnisch ein eher unorthodoxer Gedanke - verliert die Mechanik ihre Macken.

Jedes Praktikum weitet den Horizont fürs Studium. Als nach den technisch so lehrreichen Ferien die Hausaufgabe lautet, einen Antrieb für Portalkrane zu konstruieren, sehen die beiden ihre Stunde gekommen. Die Erfahrungen auf der ”Adagio" sollen in puren Fortschritt (und eine gute Note) umgemünzt werden. So sorgen sie bei ihrem Entwurf a.) für eine riesige Inspektionsklappe und b.) für viele Flügelmuttern, weil man da kein Werkzeug braucht. Das Ergebnis ist ernüchternd: ”Junger Freund, ehe Sie etwas machen, wie man es nicht macht, müssen Sie erst einmal lernen, wie man es macht!" Man sieht deutlich: alles lange her.

Der Leser erfährt aber auch sonst viel Wissenswertes, zum Beispiel wie oft man mit einem Fahrrad um einen Polizisten herumfahren darf (nicht zu oft) und wie man mit immer wieder der gleichen Ausrede fürs Zuspätkommen (”mein Teekocher ist explodiert!") das Lehrerkollegium tief verwirren kann.

Von der Schule ist überhaupt viel die Rede. Schon der Papa des Autors, Heinrich Spoerl, hat dazu ein berühmtes Werk beigesteuert, das legendär verfilmt worden ist: ”Die Feuerzangenbowle".

Alexander Spoerl - er steckt hinter ”van Tast" - hat mit dem Erinnerungsbändchen, aus dem hier zitiert wurde, einen Bestseller geschrieben. Bis heute wurde das Buch fast eine Million Mal verkauft. Der Titel des Werks ist allerdings etwas peinlich angesichts des Aufbruchs der TU ins Zeitalter der ”Centers of Excellence". Auf dem Einband steht schlicht: ”Memoiren eines mittelmäßigen Schülers."

Michael Winteroll,
Allgemeine Studienberatung

Alexander Spoerl: Memoiren eines mittelmäßigen Schülers. München: Serie Piper Nr. 1202, DM 14.90


10/'98 TU-Pressestelle