TU intern - Juni 1999 - Wissenschaft

Original oder Fälschung?

Chemiker untersuchen die Echtheit alter Kunstwerke

Jean II Penicaud, Profilkopf des Bacchus, Mitte 16. Jh.?, Kunstgewerbemuseum Berlin
Das Institut für Anorganische und Analytische Chemie der TU Berlin erprobt zur Zeit mit dem Kunstgewerbemuseum, Staatliche Museen zu Berlin, die gemeinsame wissenschaftliche Arbeit auf den Gebieten der Kunstgeschichte und der Chemie. Forschungsgegenstand sind sogenannte Maleremails aus dem 16. Jahrhundert, die in der französischen Stadt Limoges geschaffen wurden. Sie gehören zu den signifikantesten Schöpfungen des französischen Kunstgewerbes der Renaissance. Die Bilderwelt dieser mit farbigen Glasflüssen bemalten Kupfertafeln oder -gefäße umfaßt sakrale und profane Themen ebenso wie biblische Szenen und solche der antiken Mythologie. Ihr komplizierter Herstellungsprozeß setzte einen hochqualifizierten Werkstattbetrieb voraus, der auf einige wenige Familien beschränkt blieb und durch großzügige Privilegien des französischen Königs vor Imitationen geschützt wurde.

In dem soeben am Kunstgewerbemuseum erschienenen neuen Bestandskatalog der Limousiner Maleremails wurden durch die Forschungsarbeit der Kunsthistorikerin Dr. Susanne Netzer vom Kunstgewerbemuseum, Staatliche Museen zu Berlin, eine Reihe kritischer Fragen aufgeworfen: Es wird schon lange befürchtet, daß sich eine größere Zahl von Kopien und Fälschungen in privaten und öffentlichen Sammlungen befinden, da sich die Limousiner Maleremails vor allem im letzten Jahrhundert unter Sammlern großer Beliebtheit erfreuten. Alte Stücke wurden während des Historismus durch Emailleure so gut reproduziert, daß schon im 19. Jahrhundert, so heißt es gelegentlich, Wissenschaftler wie Kenner Original und Fälschung nicht mehr zu unterscheiden vermochten. Hier können nur durch die fächerübergreifende Zusammenarbeit von Kunsthistorikern und Naturwissenschaftlern, also durch gemeinsame stilistische und materialwissenschaftliche Analysen sichere Antworten zur Echtheit eines Stückes gegeben werden. Da es für Emails keine direkten Datierungsmethoden gibt, kann man Rückschlüsse auf das Alter nur indirekt aus ihrer Materialzusammensetzung ziehen. Sie basieren zum einen auf der Verwendung neuartiger Ausgangsmaterialien in späteren Jahrhunderten, zum anderen auf spezifischen Verunreinigungen, die durch bestimmte natürlich vorkommende Rohstoffe in das Glas gelangten.

Unter Federführung des Institutes für Anorganische und Analytische Chemie der TU Berlin hat unter der Leitung von Prof. Dr. Jörn Müller im April ein durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördertes Forschungsvorhaben begonnen, das sich diesen Fragen widmet. Um die oft einzigartigen Stücke nicht durch eine Probenahme zu beschädigen oder einem Transportrisiko auszusetzen, wird zur Zeit unter Ausnutzung neuester gerätetechnischer Entwicklungen auf dem Gebiet der Röntgenanalytik in Zusammenarbeit mit der Firma IfG - Institut für Gerätebau GmbH Berlin ein mobiles Spektrometer für die Mikro-Röntgenfluoreszenzanalyse gebaut. Dieses Gerät wird in Zukunft zerstörungsfreie Elementanalysen verschiedenster Kunstgegenstände direkt vor Ort ermöglichen.

Heike Bronk, Institut für
Anorganische und Analytische Chemie


© 6/'99 TU-Pressestelle