TU intern - November 1999 - Aktuelles

Blick auf die Welt und Impulse für Deutschland

"Die zukünftigen Entwicklungen in den ausgewählten Bereichen Arbeit, Information, Körper, Migration, Stadt und Wasser werden die Frauen in besonderer Weise treffen"
Astrid Albrecht-Heide

Vom 15. Juli bis zum 15. Oktober 2000 treffen sich Dozentinnen und Studentinnen aus allen Kontinenten der Welt zur Internationalen Frauenuniversität (ifu), die als Projekt während der EXPO 2000 stattfindet. Unter dem Leitprinzip der Internationalität wollen sie sich mit brisanten Problemen des 21. Jahrhunderts beschäftigen. Eine der insgesamt zwölf Dekaninnen der ifu ist Professorin Astrid Albrecht-Heide. Sie lehrt am Institut für Erziehungswissenschaft der TU Berlin und ist Mitglied der Arbeitsstelle sozial-, kultur- und erziehungswissenschaftliche Frauenforschung. TU intern sprach mit ihr über die Internationale Frauenuniversität.

Frau Albrecht-Heide, welche Idee steckt hinter der Internationalen Frauenuniversität?

Es sind mehrere Ideen, die dahinter stecken. Zunächst ist es der Versuch, Frauen international zusammenzubringen und zu vernetzen. Es geht auch darum, die westliche Perspektive zu brechen, unter der zentrale Probleme, die für die weitere Entwicklung der Menschheit eine wichtige Rolle spielen und die in der Schnittmenge zwischen Technologie und Kultur liegen, heute meist betrachtet werden. Die zukünftigen Entwicklungen in den ausgewählten Bereichen Arbeit, Information, Körper, Migration, Stadt und Wasser werden die Frauen in besonderer Weise treffen. Eine zweite Idee ist es, eine Reformuniversität zu gestalten. Wir wollen interdisziplinär arbeiten und nicht nur Aspekte der klassischen Natur- und Sozialwissenschaften, sondern auch der Kulturwissenschaften und der künstlerischen und literarischen Betrachtung miteinander in Verbindung bringen.

Warum muß es ausgerechnet eine Frauenuniversität sein?

Frauen haben kein internationales Forum, um solche Fragestellungen zu bearbeiten. Ein weiterer Grund ist, dass die genannten Themen bei der ifu endlich in dem Maße angesprochen werden sollen, wie sie Frauen betreffen.

Wo ist das zum Beispiel der Fall?

Zum Beispiel bei der Migration. Frauen sind davon sehr stark betroffen und bewegen sich aus anderen Gründen als Männer. In den offiziellen Statistiken sind sie jedoch weder in der Quantität noch in der Qualität angemessen erfasst. Sie kommen entweder als Besitzstände ihrer Männer mit und tauchen in den Statistiken nicht auf oder es fehlen die spezifischen Migrationsgründe. Ein Beispiel dafür ist die genitale Verstümmelung von Frauen, die jetzt als Asylgrund anerkannt werden soll und die jahrelang - auch in der internationalen Frauenkommunität - ein Tabuthema war. Ein anderes Beispiel aus dem Bereich Wasser: Frauen sind in vielen Ländern diejenigen, die für die häusliche Wasserversorgung zuständig sind. Gerade in den Ländern des Trikont, also der sogenannten Dritten Welt, sind Frauen oft Stunden um Stunden unterwegs, um das Wasser heranzuführen. Dabei sind sie nicht einmal sicher, ob das Wasser sauber ist. Mexiko wird, wenn das Wasser von der reichen Klasse weiterhin so verschwendet wird, in wenigen Jahren ohne Wasserressourcen sein. Das spüren vor allem die Frauen ganz drastisch, die in den armen Vierteln ohne Wasserversorgung wohnen.

Was geschieht mit den Projekten, wenn die ifu beendet ist?

Die ifu soll als virtuelle Universität aufrecht erhalten werden, damit an den Projekten weitergearbeitet werden kann und auch neue Projekte dazukommen können. Unsere Hoffnung ist, dass sich daraus ein internationales Graduiertenprogramm für Frauen entwickelt.

Wie soll, ganz konkret, an der ifu gelernt und gelehrt werden?

Zunächst finden Vorlesungen statt, um die Teilnehmerinnen auf einen gleichen Informationsstand zu bringen. Danach wird es Projekte geben, die konkreten Fragestellungen nachgehen.

Welche Veranstaltung werden sie anbieten?

In der Vorlesung werde ich eines meiner Spezialgebiete diskutieren und der Frage nachgehen, wo und wie Militarisierung, Geschlechterverhältnisse und Rassenverhältnisse sich überschneiden. Dort gibt es sehr radikale Schnittmengen. Sehen Sie sich nur das ehemalige Jugoslavien an, wo die sogenannten ethnischen Auseinandersetzungen auch mit unheimlicher Gewalt gegenüber Frauen verbunden sind, wo auf der anderen Seite Frauen aber auch als fanatisierte Unterstützerinnen der "ethnischen Säuberungen" auftauchen. Im anschließenden Projekt soll dann anhand der Erfahrungen von Beratungsstellen für Flüchtlinge und Folteropfer gezeigt werden, aus welchen Ländern und mit welchen Gründen Frauen kommen und wie es ihnen hier ergeht. Es ist eine Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle für Verfolgte und Folteropfer in Hamburg geplant.

Die Bewerbungsfrist zur internationalen Frauenuniversität wurde bis zum 30. November verlängert. Voraussetzung zur Teilnahme ist ein erster Studienabschluss. Weitere Informationen: Internationale Frauenuniversität GmbH, Tel.: 0511 120 8660, Fax: 0511 120 8693, E-Mail postmaster@ifu-niedersachsen.de, WWW: http://www.Int-Frauenuni.de


© 11/'99 TU-Pressestelle