TU intern - November 1999 - Aktuelles

Strategien gegen Fremdenfeindlichkeit

Die Aktion Noteingang ist eine von mehreren Initiativen in Brandenburg, die die Kräfte gegen Fremdenfeind- lichkeit im Land stärken will
Das Maß des öffentlichen Interesses am Thema zeigte sich bereits, bevor das erste Wort gefallen war. Zum Auftakt der Konferenz über Rechtsextremismus und Jugendgewalt des Zentrums für Antisemitismusforschung am 1. und 2. November war im Sitzungssaal des TU-Senats kein Platz mehr zu bekommen. Neben einer Reihe von Wissenschaftlern waren Praktiker aus Berlin und Brandenburg gekommen: Sozialarbeiter, Verwaltungsmitarbeiter und Polizeibeamte, die in ihrem Alltag mit rechtsextremer Gewalt konfrontiert sind. Einen beträchtlichen Teil des Publikums stellten Journalisten, die den Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis über Strategien gegen Fremdenfeindlichkeit in Berlin und Brandenburg verfolgten.

Eine Feststellung bildete den roten Faden durch die Konferenz: Wer allein auf die rechten Schläger blickt, übersieht den Kern des Problems. Erst das gesellschaftliche Umfeld, stellten viele Referenten fest, gebe der Gewalt den Raum. So wies der Berliner Kriminologe und Rechtsextremismus-Experte Bernd Wagner auf eine "völkische Gestimmtheit" in beträchtlichen Teilen der brandenburgischen Bevölkerung hin. Eindimensionale Gegenrezepte, die sich nur auf die Gewalttäter konzentrieren, dürften daher ins Leere laufen. Auch das Hoffen auf schnelle Erfolge wird wohl vergeblich bleiben. Man war sich einig, daß nur langfristige und gesamtgesellschaftlich angelegte Strategien zum Ziel führen.

Die Brandenburgische Landesregierung versucht daher seit eineinhalb Jahren, mit dem Handlungskonzept "Tolerantes Brandenburg" durch eine Vielzahl von Aktionen demokratische Leitbilder zu verbreiten. Gleichzeitig, forderte der Sozialpädagoge Ralf Bartsch, müßten jedoch die Kommunen die Grundversorgung für die Jugendarbeit bereitstellen. Experten schätzen, daß 60 Prozent der brandenburgischen Jugendarbeit von nicht qualifizierten ABM-Kräften geleistet werde. Nötig seien, so Bartsch, professionelle Sozialarbeiter, die lange genug eingestellt bleiben, um Beziehungen zu den Jugendlichen aufzubauen.

Ausmaß und Komplexität des Phänomens Fremdenfeindlichkeit verbieten es zudem, das Problem an einzelne gesellschaftliche Instanzen zu delegieren. Weder Schule und Jugendarbeit noch Polizei und Justiz sind allein in der Lage, Lösungen anzubieten. Die Leitbilder der demokratischen Gesellschaft müssen in den Alltag einsickern. So finden die Vertreter des Handlungskonzeptes "Tolerantes Brandenburg" ihr Arbeitsfeld in allen gesellschaftlichen Bereichen - von der Freiwilligen Feuerwehr bis zum Angelsportverein.

Die Konferenz zeigte außerdem die Wünsche der Praktiker an die Wissenschaft. Die Evaluation bisheriger Ansätze ist zu kurz gekommen. Auch die Einstellungsforschung hat bisher noch viele Fragen offen gelassen. Zudem fehlen Kommunalstudien bisher fast ganz, obwohl die entscheidenden sozialen Prozesse im lokalen Raum ablaufen. Ob sich der Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis verstetigen lässt, ist allerdings ungewiss. Die Finanzierung der Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Jugendgewalt des Zentrums für Antisemitismusforschung läuft in diesem Jahr aus. Der Leiter des Zentrums, Prof. Wolfgang Benz, rief daher Politik, Mäzene und Sponsoren auf, zur Lösung eines der drängendsten gesellschaftlichen Probleme beizutragen.

Mit dem Band "Gewalt ohne Ausweg?" legte die Arbeitsstelle Jugendgewalt und Rechtsextremismus des Zentrums für Antisemitismusforschung im Rahmen der Konferenz erste Ergebnisse vor. Der Sammelband zeigt am Beispiel Brandenburgs und Berlins, wo Jugendpolitik, Kommunalpolitik und Sozialpädagogik in der Arbeit gegen rechtsextreme Gewalt ansetzen können.

Peter Widmann

Peter Widmann/Rainer Erb/Wolfgang Benz (Hrsg.): Gewalt ohne Ausweg? Strategien gegen Rechtsextremismus und Jugendgewalt in Berlin und Brandenburg. Metropol Verlag Berlin 1999.


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