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27

Unser digitalisiertes Leben

2015/2016

A

uf dem Boden weisen blaue Kreise den Weg.

Links die Silhouette der Siegessäule, rechts Fern­

sehturm, Reichstagsgebäude und Brandenburger

Tor. Am Horizont jedoch türmt sich ein gigantisches Bau­

werk auf, seine Kuppel überragt die Berliner Sehenswür­

digkeiten bei Weitem. Noch einen Schritt darauf zu und

noch einen. Die letzten 1000 Meter können mit einer

schwebenden Plattform abgekürzt werden, dann erhebt

sich in ihrer vollen Größe die Kuppelhalle, die einst der

Mittelpunkt Germanias werden sollte, der Hauptstadt

des Deutschen Reiches. Glücklicherweise konnte Hitler

seine gigantomanische Vision nie verwirklichen.

Den architektonischen Höllentrip kann man sich deshalb

nur in einer virtuellen Realität (VR) antun, und zwar in

einer Simulation, die ab Frühjahr 2016 im Museum Zitadelle

Spandau mit Hilfe einer speziellen VR-Brille erlebt werden

kann. Entwickelt wurde die Simulation im 3D-Labor der

TU Berlin im Rahmen des Projektes „THEMSE“. „Natürlich

hätten wir auch das Reichstagsgebäude und die Germania-

Halle als Miniaturmodelle nebeneinanderstellen können“,

sagt Prof. Dr. Hartmut Schwandt, Leiter des 3D-Labors der

TU Berlin, „aber selbst durch den Raum zu laufen und die

Größenverhältnisse in Relation zum eigenen Körper nach­

vollziehen zu können, bietet ein ganz neues, emotionales

Erlebnis.“

Die Zusammenarbeit mit der Zitadelle war nur eine von

vier Kooperationen, innerhalb derer das 3D-Labor in den

letzten Jahren ausgelotet hat, wie moderne 3D-Techno­

logien für museale Zwecke nutzbar gemacht werden

können. Weitere Projektpartner waren das Berliner Stadt­

museum, die Gipsformerei der Staatlichen Museen sowie

das Heimatmuseum Neukölln. Neben den dreidimensio­

nalen virtuellen Welten haben die Forscher der TU Berlin

auch immer wieder mit greifbaren dreidimensionalen

Objekten aus 3D-Druckern experimentiert. „3D-Druck­

verfahren ermöglichen uns ganz neue Varianten, Dupli­

kate herzustellen“, sagt Schwandt. Im Gegensatz zum

mühevollen händischen Nachbau von Ausstellungs­

objekten macht es ein 3D-Scan eines Objektes sehr ein­

fach, auf einen Schlag beliebig viele Duplikate in belie­

biger Skalierung zu produzieren. „Für das Heimatmuseum

Neukölln haben wir aus einigen Objekten, die im Original

sehr klein sind, vergrößerte Kunststoffdrucke angefertigt,

damit beispielsweise Sehbehinderte sie tastend begreifen

können“, so Schwandt.

Viele Anwendungen, die im „THEMSE“-Projekt entstanden

sind, können Leuchtturmcharakter für andere Museen

haben. Schwandt ist sich sicher, dass 3D-Technologien

großes Potenzial für Museen bieten. Allerdings, so der

Wissenschaftler, sei die Einstiegshürde gegenwärtig noch

hoch: Die Geräte seien teuer, und die Bedienung erfor­

dere sehr spezielles Know-how. Die Zusammenarbeit mit

externen Partnern ist derzeit also unerlässlich.

Das 3D-Labor der TU Berlin präsentiert

aktuelle Forschungen unter

www.tu-berlin.de/3dlabor

Text Michael Metzger

GESCHICHTE IM

CYBERSPACE

Berliner Museen profitieren vom Know-how

des 3D-Labors und seinen 3D-Technologien

Grafik: TU Berlin /Institut für Mathematik /3D-Labor